Newsletter August 08

Im Nachklang der Salzburger Festspiele und das 'Gewinnrätsel' 2008

Liebe Leserinnen und Leser,

die Neugier auf Rebecca Horn, deren Federobjekte und Installationen ich seit meiner Studienzeit schätze, hat mich bei den Salzburger Festspielen über die Theatersparte hinaus in die Pressekonferenz der Musikkollegen gezogen. Die vielseitige Künstlerin hatte nach Klaus Michael Grübers Tod neben Bühnenbild und Kostüm auch die Regie zu Salvatore Sciarrinos Oper "Luci mie traditrici/ Die tödliche Blume" übernommen. Der Weg ins Kartenbüro und ein vierfaches Vergnügen mit Madrigalen, Oper, Hörtheater und Marionettenspiel war meine Konsequenz aus diesem Pressegespräch.
Zu meiner Arbeit als Rezensentin gehörte dagegen Vanessa Redgraves famoser Auftritt in Joan Didions Ein-Personen-Stück "The Magical Year of Thinking", das auf der gleichnamigen Buchfassung beruht. Auch hier fand vorab in der Salzburger "Kulisse" ein Gespräch statt, in dem die vielseitige Schauspielerin durch ihr politisches Engagement beeindruckte.
Was dies nun alles mit Lyrik zu tun hat, lesen Sie im heutigen Newsletter, der das "Hören" in den Vordergrund stellt. Dazu passend gibt es beim "Geburtstagsrätsel" - mein Newsletter ist zwei Jahre alt - auch für die beiden Gewinner "gesprochen/gesungenes Wort" (auf CD) zur Auswahl.

Eine interessante Lektüre und natürlich viel Glück beim Rätsellösen und Gewinnen!

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1. Gedichte aus Guantánamo
2. Ein Kontinent des Hörens
3. Im Klangraum flüchtiger Worte
4. 'Geburtstagsrätsel' mit Gewinn zum zweijährigen Newsletter

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1. Gedichte aus Guantánamo

„Eine große Schauspielerin ist heute auf die Welt gekommen“, rief Laurence Olivier 1937 ins Publikum. Er hatte gerade mit Michael Redgrave, Vanessas Vater, den Hamlet gespielt und sollte mit seiner Ankündigung recht behalten: Vanessa Redgrave, aus einer britischen Darstellerdynastie stammend, ist auf Leinwand und Bühne erfolgreich. Den Oscar erhielt sie 1978. Als Model in Michelangelo Antonionis Kultfilm „Blow-up“ verkörperte sie das „Swinging London“ der sechziger Jahre. Deren politischer Aufbruch prägte ihr bis heute andauerndes politisches Engagement – ob gegen die Vietnam- und Nordirland-Politik, ob gegen die Besetzung des Irak oder Tibets.
Der Grad an Folter und Ungerechtigkeit in Guantánamo erinnere sie, so Redgrave beim Pressegespräch, an die Zustände im Archipel Gulag, wie sie der eben verstorbene Alexander Solschenizyn geschildert hat. Sie sei fassungslos, dass die USA, die wie kein anderer Staat für das Menschenrecht standen, dieses im rechtsfreien Raum des Lagers auf Kuba wissentlich verletze. Im Salzburger Landestheater las die Schauspielerin zusammen mit Festspielintendant Jürgen Flimm 15 Gedichte aus Guantánamo, "um den dort Gefangenen eine Stimme zu verleihen".

Was für eine Art Frühling ist dies /
wo es keine Blumen gibt und /
die Luft von erbärmlichem Gestank erfüllt ist.
(Cup-poem 1 / Abdurraheem Muslim Dost)

Da im ersten Jahr den Häftlingen unter verschärften Bedingungen Papier und Bleistift verboten waren, kursierten die Verse zunächst mündlich. Dann ritzte man sie mit Steinchen auf Styroporbecher oder schrieb sie mit Zahncreme. Der pakistanische Lehrer Ibrahim al Rubaish soll von Söldnern an die alliierten Streitkräfte verkauft worden sein. Den Trost, der für viele der muslimischen Gefangenen in der Dichtung liegt, drückt er so aus: "Die Worte des Dichters sind die Quelle unserer Kraft; / Seine Strophen sind Balsam für unsere gepeinigten Herzen".
Anwälte sammelten die Texte - es sollen Tausende sein -, doch als Marc Falkoff sie veröffentlichen wollte, passierten nur 22 Gedichte von 17 Häftlingen die Zensur des US-Pentagon, das geheime Kassiber befürchtete. Daher durften im August 2007 die Texte nicht in der Originalsprache, sondern nur in Englisch veröffentlicht werden, die Übersetzer hatten ein "regierungsamtliches Unbedenklichkeitszertifikat" vorzuweisen.
Die meisten Gedichte im Band Poems from Guantánamo sind - vielleicht auch aufgrund der Übersetzung - einfach. Sie handeln von Wut, Frustration und Resignation über die ungerechte Behandlung oder von der Trauer, fern der Familie und Heimat zu sein. Eine Kurzbiografie des jeweiligen Dichters ist den Texten beigegeben. Cup-poems hießen die anfangs in die Becher eingeritzten Gedichte, die von Zelle zu Zelle wanderten und am Abend im Mülleimer landeten. Abdurraheem Muslim Dost, ein pakistanischer Schriftsteller, der fast drei Jahre im Lager eingesperrt war, erinnert sich (siehe auch oben) an seine Verse:

Handschellen ziemen sich für mutige, junge Männer /
Armreifen sind für alte Jungfern und hübsche, junge Frauen.
(Cup-poem 2 / Abdurraheem Muslim Dost)

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2. Ein Kontinent des Hörens

Die "Kontinente-Reihe" der Salzburger Festspiele widmet sich jährlich einem Komponisten des 20. oder 21. Jahrhunderts. Salvatore Sciarrino (*1947 in Palermo) stand heuer im Mittelpunkt.
"Tatsache ist, dass meine Musik immer mehr Stimme werden will", bekennt der gebürtige Sizilianer. Auch wenn ein riesiges Aufgebot an Musikern - und seien darunter zehn Schlagzeuger - die Konzertbühne füllt, geht es bei Sciarrinos Musik nicht um Lautstärke und Klanggewalt. Vielmehr herrschen die leisen Töne vor, das Wahrnehmen von Stille, von Schatten- und Echowelten gewinnt an Bedeutung. Um Klappen- oder Atemgeräusche bei einer Aufführung hörbar zu machen, braucht es nicht nur einen, sondern ein Kollektiv an Holzbläsern. Nur so kann ein Minimalereignis oder Einzelphänomen im Konzertsaal überhaupt vernommen werden.
Annähernd 200 Titel traditioneller Gattungen wie formaler Experimente hat der Autodidakt aus Italien in seinem Lebenswerk inzwischen vorzuweisen. Derzeit arbeitet er an einem Auftragswerk für das Nationaltheater Mannheim. Seine Musik stellt die Hörgewohnheiten auf den Kopf. Es ist eine Kunst verfeinerter Wahrnehmung, die aus der Binnenspannung lebt. Auf diese Weise gelingt es Salvatore Sciarrino auch, ohne groß angelegte äußere Handlung innere Zustände zu vermitteln: In Luci mie traditrici/ Die tödliche Blume bleiben die Affekte des barocken Fürsten und Komponisten Gesualdo di Venosa zunächst verhalten. Nur im Augenblick des Mordes an seiner Frau und deren Liebhaber entladen sie sich musikalisch in wenigen, explizit gesetzten Tönen.

Fotos der Salzburger Aufführung in der Kollegienkirche mit dem Bühnenbild Rebecca Horns finden Sie hier.
Eine Auswahl der Orchesterwerke ist auf CD neu erschienen.

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Sciarrino, der inzwischen viele Libretti selbst schreibt, nimmt häufig gleiche Themen - die historische Figur des Gesualdo di Venosa (1566-1613) gehört dazu - für unterschiedliche Bearbeitungen. 1999 entstand "Terribile e spaventosa storia del principe di Venosa e della bella Maria/ Die furchtbare und erschröckliche Geschichte des Fürsten von Venosa und der schönen Maria". Zwei alte sizilianische Kunstformen, die Opera dei pupi, das Marionettentheater, und das Einpersonen-Straßentheater des Cuntu, sind neu verknüpft. Die Musik setzt mit dem Knall einer zerberstenden Glühbirne ein. Schnell wird deutlich, dass im Puppenspiel anders als bei der Oper auch der Humor und das Volkstümliche zur Belustigung des Publikums dazugehören.

Die Tradition des sizilianischen Marionettentheaters entstand in den aristokratischen Kreisen des 19. Jahrhunderts, fand aber schnell Eingang in die unteren Gesellschaftsschichten. Die alten Ritterepen, insbesondere das Rolandlied - daher auch der Anklang an Ariost und seinen Orlando furioso - lieferten den Stoff. Der Cuntu war dagegen ein streng stilisiertes Straßentheater, bei dem der einzige Darsteller, ein Schwert in der Hand, improvisierte. Nur Mimmo Cuticchio bewahrt auf Sizilien noch diese Tradition.
Es war spannend, ihm im Salzburger Marionettentheater zuzuhören: Vor dem Puppenspiel trat er kurz neben die aufgebaute Spielstätte und kündigte an, welche Geschichte aufgeführt und wie sie in etwa verlaufen würde. Erst als die Spannung in der Mordszene den Höhepunkt erreichte, erschien er erneut. Das Spiel der Puppen lief zwar weiter, aber ihre "Stimmen" gingen in der Erzählung Cuticchios auf. Die aufregendste Szene wurde wie in Zeitlupe gedehnt. Mit dem Schwert in der Hand, die Stimme ansteigend und immer mehr in den Rhythmus eines klassischen Metrums verfallend - der Fuß stampfte dabei auf - schilderte Cuticchio nun die Erdolchung der Liebenden durch den Fürsten. Obwohl die Greueltat im kleinen "Guckkasten" der Bühne zu verfolgen war, zog die Suggestion seiner immer rhythmischer und klangvoller werdenden Stimme alle Aufmerksamkeit auf den Sprecher - ein Erlebnis und faszinierendes Kapitel mündlicher Erzählkunst.

Wer das Thema des sizilianischen Marionettentheaters vertiefen möchte, findet hier die Informationen (italienisch/ englisch) aus erster Hand.

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Die Veranstaltungsreihe mit Werken Salvatore Sciarrinos startete mit der Uraufführung von zwölf Madrigalen. Der Komponist orientiert sich zwar an der alten Vokaltradition um 1600, erschließt jedoch ungewohnte Spielräume.
Sciarrino legt seiner Komposition sechs Haiku-Texte des japanischen Dichters Matsuo Basho (1644-1694) zugrunde, die er jeweils doppelt - 12 Madrigali - vertont. In der Bündelung und Abfolge von zweimal sechs Stücken verhält sich die zweite Hälfte zur ersten als "ungetreuer Spiegel". Es entstehen Paare mit Ähnlichkeiten, Querverbindungen, aber auch auffälligen Unterschieden, die Sciarrino im Zusammenklang der vier Männer- und drei Frauenstimmen ausspielt. Meditatives Wort und sparsame, klare Notensprache verschmelzen zu neuer Einheit. Die Naturbilder der Haikus - Meer, Inseln, Wellen, Felsen, Zikaden und Lerchen - sind als Widerhall in der Musik erfahrbar. Die Zurücknahme subjektiver Empfindung, die das klassische Haiku bestimmt - Sciarrino wählte diese lyrische Form bereits in früheren Schaffensperioden - ist "perfekt" auf die Musik übertragen. Eine Objektivierung setzt ein, bei der die Wahrnehmung generell ins Zentrum rückt. Sciarrino kommentiert es selbst:
"Ich sage nicht: 'Das sind meine Klänge', sondern ich sage: 'Das sind die Klänge, die ich aufregend finde. Und du, was geschieht mir dir?' Meine Klänge sind nicht einfach Klänge, sondern Signale. Es sind Signale der Kommunikation zwischen den Menschen, sie beziehen sich auf die Umwelt, die menschliche Aktivität, den Tag und noch mehr die Nacht - auf die Wirklichkeit ganz allgemein." (Programmheft Kontinent Sciarrino. Konzerte. Salzburger Festspiele 2008, S. 31)

Ein kurzer Eindruck von Sciarrinos Madrigalen und seiner Oper lässt sich auch in der Besprechung von Jörn Florian Fuchs (Fazit/ Deutschlandradio) gewinnen: als Audio-Datei oder zum Nachlesen.

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3. Im Klangraum flüchtiger Worte

Beat Furrer (*1954) dirigierte Sciarrinos "Luci mie traditrici/ Die tödliche Blume", brachte in der Kontinente-Reihe jedoch auch sein eigenes Hörtheater "Fama" zur Aufführung. Der in Schaffhausen geborene Musiker, der in Wien studierte (und als österreichischer Komponist gilt), will in der Oper nicht nur einfach gesungene Texte, die man auch sprechen könnte. Ihn "interessiert dieser Weg vom Sprechen zum Singen. Die vielen verschiedenen Sprachen kreieren ihren Klang, ihren Vokalstil."
Fama ist die Göttin des Gerüchts und Hörensagens. Sie wohnt an einem »Ort in der Mitte des Erdkreises, zwischen Erde, Meer und Himmelszonen«. Ihr Haus »aus tönendem Erz« ist Tag und Nacht nach allen Seiten hin offen. So hört Fama alles, was in der Menschenwelt gesprochen wird und streut es weiter aus. Ovids mythologische Figur der Fama (Metamorphosen 12. Buch) ist für Furrers Schaffen zentral. Jedes Verklingen eines Tons, so der Komponist, sei bereits ein Drama, jede musikalische Geste erzähle bereits eine Geschichte. Im Augenmerk auf kleinste Klangeinheiten überlagert sich so rasch in der Fülle von Tönen und Gesten auch eine Vielzahl von "Dramen" und "Geschichten": Ovids Haus der Fama kann also als Metapher bestens bestehen.
Die innere Dynamik eines Tons und seine erzählerische Geste bauen in Furrers Musik das große Spannungsfeld auf. Auch ihm geht es wie Sciarrino um Wahrnehmung, um Hören. Töne sind nah und fern. Räume öffnen sich in solcher Bewegung des Klangs. Sie machen unsichtbare Welten präsent - innere, psychische Welten, wie die der Else, der Figur aus Schnitzlers Novelle Fräulein Else (1924). Wo Schnitzler bereits mit dem Mittel des inneren Monologs das Bewusstsein der Protagonistin zur Hauptperspektive macht, radikalisiert das Libretto Beat Furrers diesen Ansatz. Er schneidet die Sterbeszene der Figur für sein Hörtheater aus, eine Schauspielerin übernimmt in der Inszenierung den stimmlichen Part. Else - sie rettet den bankrotten Vater, indem sie sich als Gegenleistung vor dem Geldgeber öffentlich nackt auszieht, dann jedoch auf ihrem Zimmer eine Überdosis Schlafmittel nimmt - wird im Aufruhr und der inneren Zerrissenheit präsent. Ihre äußere Verwirrung in der Situation und Sprachlosigkeit steht diametral zu den inneren Redeschwällen. Furrer vermag das Aufnehmen und Streuen der Worte und Töne im Bild eines "inneren Seelenhauses" von sich kreuzenden Gedanken und Meinungen dramatisch zu vergegenwärtigen. Ruhe kehrt erst im Tod, im Verlöschen von Elses Bewusstsein ein.

Am 4. September 2008 finden zwei Aufführungen von "Fama" an der Berliner Staatsoper unter den Linden statt.
Eine Einstudierung auf CD finden Sie hier.
Als DVD ist Beat Furrers Musiktheater Begehren erschienen. Das Libretto ist nach Texten von Ovid, Vergil, Hermann Broch, Cesare Pavese und Günter Eich.

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4. 'Geburtstagsrätsel' mit Gewinn zum zweijährigen Newsletter

Obwohl das Jahr recht wirbelig war, ist die Reihe meiner Newsletter weiter gewachsen. Mit dem neuen Gewinnspiel möchte ich mich "zum zweiten Geburtstag" bei meinen Leserinnen und Lesern für das Interesse und die motivierenden Rückmeldungen bedanken. Wort und Ton - dieses Paar bestimmt, kein Wunder nach Salzburg, das heutige Ratespiel, bei dem Sie wiederum um Kunst-Ecken denken können.
Folgen Sie den Gedichten in die Musik und entdecken Sie, wie sich die Texte in den Bearbeitungen der - mitunter unterschiedlichen - Komponisten wandeln. Vielleicht bekommen Sie Lust, das eine oder andere "Werk" zu lesen, zu hören. Das Rätsel kann Ihnen hierfür im "Nebeneffekt" einige Impulse geben.
Den beiden durch Los ermittelten Gewinnern (durch unabhängige Person, Rechtsweg ausgeschlossen) winkt jeweils eine CD. Einsendeschluss der gesuchten Antwort ist der 30. Oktober 2008. Die Auflösung des Rätsels und Bekanntgabe der GewinnerInnen erfolgt im November-Newsletter. Hier können Sie das Rätsel herunterladen.

Mit besten Wünschen für einen warmen Spätsommer grüßt Sie
Ihre
Michaela Didyk

 

Sie empfehlen den Michaela_Didyk-Newsletter weiter? Vielen Dank!

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Verantwortlich im Sinn des Presserechts:
(c) Michaela Didyk M.A.
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