Newsletter November 08
"BeGEISTert dichten" - am Faden der Erinnerung zur Quelle der Inspiration
Liebe Leserinnen und Leser,
"beGEISTert dichten" heißt eine zweite Reihe von online-Kursen, bei denen Sie ähnlich den Schreibnächten für jeweils einige Stunden zum lyrischen Schaffen eingeladen sind. Bei diesem Zyklus steht die Inspiration und ihre Verknüpfung mit archaischem Wissen im Mittelpunkt - eine Angelegenheit der Quellgeister und Musen also.
Diese können auch in unseren Tagen noch "Flow" erzeugen, egal ob zu dritt oder zu neunt. Sie gelten als Töchter der Quellgöttin "Mnemosyne", und noch Dante ruft sie zu Beginn seiner "Göttlichen Komödie" allesamt an, wendet er sich doch neben den Musen an das Gedächtnis, an die Erinnerung, griechisch Mnemosyne, um das wiederzugeben, was er in der Quelle geschaut hat.
So zieht sich der Faden der Erinnerung quer durch den heutigen Newsletter. In Erika Wagners aktuellem Kunstprojekt, das sie zum Abschluss ihres sechsmonatigen Arbeitsaufenthalts im Atelier VISARTE in Neuchâtel zeigt, entdecken Sie eine moderne Gedächtnisspur.
Viel Spaß bei der Lektüre!
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1. Erika Wagner: Bildschichten der Erinnerung
2. A. E. I. O. U. - Gedichte zwischen Büchern aus Blei und Dornengestrüpp: Anselm Kiefer
3. "BeGEISTert dichten" - ein archaischer Zugang zur Inspiration
4. "Maquina poetica" als digitale Muse sowie "Beethovens Neunte" mit den beiden Gewinnerinnen des Sommerrätsels
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1. Erika Wagner: Bildschichten der Erinnerung
"Ich habe da, glaube ich, ein Material gefunden, das mir für meine Art zu arbeiten und für die Thematik der Erinnerung sehr geeignet scheint: die nachleuchtende Folie, auf welcher Bilderüberlagerungen noch eine Weile sichtbar bleiben und dann langsam vergehen." Die Luzerner Lyrikerin und Künstlerin Erika Wagner (*1974), deren Interaktive Medien-Installation zum Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans-Werner Henze Sie im vergangenen Sommer schon kennen lernten, stellt in einer Werkschau vom 13.-19. Dezember 2008 ihre neuen Arbeiten vor.
Das Thema "Erinnerung" bildet eine Konstante in ihrem Schaffen. Schon der rote Pullover in erinnern und vergessen, einer Installation aus dem Jahr 2003, der überdimensional und einer Stoppschranke gleich seine Ärmel durch den Raum streckte, dann seine Fülle und Fäden zu stauen begann, vermittelte die Dichte der Gedanken und Gefühle, die im Blick auf Vergangenes ambivalent aufbauend und zugleich einengend aufsteigen.
Um die Ablagerung von Bildern und Eindrücken, von Emotionen in unserer Erinnerung, geht es auch in den Zeichnungen, in den Videos und den Fotografien oder Projektionen der jüngsten Zeit.
In pastellfarbenen Tönen fängt Erika Wagner im Video Seeblick das Licht des Neuenburger Sees ein, es ist ein kontemplativer Blick. Ein Bild geht langsam in ein anderes über. Durch Überblendungen entstehen neue Bilder, dem Betracher eröffnen sich eigene Assoziationsräume. Oft sind nur Konturen als fein gezeichnete Linie sichtbar oder der Umriss löst sich in Weiß auf. Dadurch verstärkt sich der Eindruck, ins Endlose, ins Nichts zu blicken, aus dem immer wieder etwas auftaucht, sich über die Bildfläche bewegt und vergeht. In ihren Arbeiten mit nachleuchtender Folie fügt sie im Nachhinein Konturen aus der Erinnerung hinzu oder trägt Umrisse und Lichtspuren auf dunklem Untergrund auf, so dass aus den Bilderschichten gleichsam "Nachtansichten" entstehen und sich gedachte Innenräume öffnen. "Auf einen Ort bezogen", so fasst sie als Artist in Residence ihre Arbeitsweise für Neuchâtel zusammen, "ist es ein Gemisch von Erwartungen, Wünschen, erzeugt auch durch Bilder im Internet und der Werbung, und dem, was ich persönlich wahrnehme und empfinde, wenn ich offen durch einen mir nicht vertrauten Ort gehe."
Die Vernissage im offenen Atelier VISARTE / Neuchâtel findet am 12. Dezember ab 19 Uhr statt.
Weitere Installationen und Videos, szenografische Einblicke sowie eine Auswahl an Gedichten finden Sie auf der Website Erika Wagners.
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2. A. E. I. O. U. - Gedichte zwischen Büchern aus Blei und Dornengestrüpp: Anselm Kiefer
Wie sehr sich Anselm Kiefer (*1945) Paul Celan und Ingeborg Bachmann verbunden fühlt, machte der Künstler bei seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels deutlich. In seinen Werken tauchen deren beider Verse wiederholt auf, verweisen Namen auf Dichter/in und Text. Kiefers Themen sind Zeit und Erinnerung, das Wachhalten von Erfahrung und Geschichte entgegen vorschnellem Einverleiben und Auslöschen. Als Provokation galten daher in den frühen Jahren viele seiner Bilder, mit denen er die deutsche Vergangenheit aufrief.
A. E. I. O. U., ein begehbarer Kubus in der Altstadt von Salzburg, nimmt das Nomadisieren als Grundgegebenheit unserer Existenz auf. "Wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt" zitiert der Künstler eine Strophe aus Bachmanns "Das Spiel ist aus". Das Sandbild, das in Anspielung auf die Erfindung der Keilschrift Lehmziegel zeigt, ist mit Natodraht bespannt. Dem großformatigen Gemälde gegenüber lagern in einem Regal 60 Bleibücher, aus denen marokkanisches Dornengestrüpp zu wachsen scheint. Ein "Zwiegespräch" beginnt, wenn der Betrachter hinzukommt. Denn in eine Art Dornröschenschlaf sieht Anselm Kiefer seinen Raum versunken, der auf Erlösung wartet.
Wenn Sie mehr von Kiefers Bezug zur Literatur erfahren möchten oder zu den unterschiedlichen Frauen, gleichsam Musen, die der Künsler - sei es aus Mythologie, Literatur oder Geschichte - in sein Werk einbezieht, klicken Sie die roten Links.
Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr (*1954) beschreibt in einem euphorischen Rückblick seine Begegnung mit Anselm Kiefer, den er im Jahr 2000/ 2001 in seinem Domizil in Südfrankreich besuchte: Der Ungeborene oder Die Himmelsareale des Anselm Kiefer
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3. "BeGEISTert dichten" - ein archaischer Zugang zur Inspiration
Poetisches Handwerk, Inspiration und Öffentlichkeit durch Lesung sind die drei Bausteine, die Unternehmen Lyrik in seinem Kurs- und Förderprogramm bietet. In einer experimentellen Reihe von Schreibtreffen online soll der kreative "Flow" durch die schamanische Praxis (siehe Vita) angeregt werden. Die acht - auch einzeln buchbaren - Termine bestimmt der Jahreszyklus mit seinen Lichtfesten, bringt doch das jeweilige Verhältnis von Tag und Nacht auch einen unterschiedlichen Energiefluss mit sich, der sich für die Inspiration nutzen lässt.
Sie erfahren mit jedem Kursabend nicht nur ein Wissensfundament zur Natur der einzelnen Jahresabschnitte, sondern öffnen sich in einem ganzheitlichen Blick unterschiedliche Zugänge zu Ihrem Schreiben. Sie lernen, Blockaden zu lösen, Ihren Zensor in einen konstruktiven Kritiker zu verwandeln, Ihre Schwächen beim Schreiben in Stärken zu verwandeln.
Der achtteilige Zyklus beginnt mit dem "spielerischen Loslegen" beim Schreiben, dem Vertrauen auf den schöpferischen Impuls und dem Loslassen von Erwartungen. Auch wenn der Termin am 18. Dezember in den vorweihnachtlichen "Endspurt" fällt, sind Sie - der Jahresreigen gibt es mit dem ersten Anwachsen des Lichtes so vor - zum "Südfest", zur Wintersonnenwende eingeladen. Vielleicht entsteht so über das Dichten hinaus eine "Ruheinsel" im Alltag und eine neue Form der kreativen Einstimmung auf die gewohnten Weihnachtstage. Die Details finden Sie hier.
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4. "Maquina poetica", die digitale Muse, sowie "Beethovens Neunte" mit den beiden Gewinnerinnen des Sommerrätsels
Die Lose beim "Geburtstagsrätsel" des Newsletters sind gezogen. Ingritt Sachse (Bonn) und Evelyne Lauber (Reinach/ Basel) waren mit der Antwort "Beethovens Neunte" die Glückspilze und entschieden sich unter den Preis-CDs für Paul Celans: "Ich hörte sagen" beziehungsweise die Hörfassung von Hans Magnus Enzensbergers: "Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu hören". Den beiden Gewinnerinnen hier nochmals Glückwünsche und allen, die mitgemacht haben, ein herzliches Danke. Bis zum nächsten Sommer dauert es noch eine Weile, aber dann haben Sie erneut Gewinnchancen. Zur Auflösung des Rätsels klicken Sie bitte hier.
Hans Magnus Enzensberger versteckt sich hinter dem Pseudonym Andreas Thalmayr, dessen Buchfassung Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen der CD vorausging und immer noch eine der besten Quellen für die poetische Inspiration ist.
Enzensberger hat sogar einen Poesie-Automaten entwickelt, der ähnlich einer Ankunftstafel auf den Flughäfen Gedichte auf Knopfdruck freigibt. Aber wie Enzensberger in seinen Erläuterungen zum Automaten feststellt, kommt es immer auf den "input" an, der den "output" in seiner Qualität steuert. Das zeigt sich bei den oft lapidaren Ergebnissen der Gedichtautomaten, die es inzwischen auch im Internet gibt. Positiv aufgefallen ist mir bei der Recherche maquina poetica. Sollte Ihre Muse also einmal doch ausbleiben, kann diese vielfältige digitale Muse Ihren Schreib- und Spieltrieb wieder anregen und darüber hinaus einiges zur Tradition der Schreibautomaten verraten.
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Musen und Erinnerung - Norbert Hummels Übersetzung von T. S. Eliots Gedicht The Waste Land / Das öde Land sei Ihnen zum Schluss noch als Buchempfehlung mitgegeben. Die Kraft der Inspiration wie deren Herausforderung an einen Dichter werden hier deutlich, der Text wird zu einem "heilenden Gesang", der den Künstler als Schamanen ausweist.
Eine Adventszeit mit vielen Impulsen und zuversichtlicher Umsetzung wünscht Ihnen
Ihre
Michaela Didyk
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