Newsletter April/ Mai 09

Von Scardanelli bis Diotima: Hölderlin heute

Liebe Leserinnen und Leser,

mit "Scardanelli" unterzeichnete Friedrich Hölderlin (1770-1843) seine späten Gedichte. "Scardanelli" nennt auch Friederike Mayröcker ihren jüngsten Gedichtband, für den sie Ende Juni mit dem Hermann-Lenz-Preis geehrt wird. Wie "modern" Hölderlin ist, belegen ebenso die Lyrik und Prosa von Gerhard Falkner, Beatrix Langner und Peter Schünemann. Erfahren Sie dazu mehr im heutigen Newsletter.

Aufmerksam machen möchte ich Sie zuvor auf den Heidelberger Appell für Publikationsfreiheit und Wahrung der Urheberrechte. Die von Google angelegte Buchdigitalsisierung und damit verbundene Schädigung der Autorenrechte erfordert Aufklärung und Widerspruch in ihrer Rigorosität. Durch amerikanischen Gerichtsbeschluss konnte der Stichtag, an dem das "Google book settlement" (der von Google außergerichtlich geschlossene Vergleich) bereits in Kraft treten sollte, zwar auf den 4. September 09 verschoben werden, ein Handeln auf politischer Ebene und Einspruch auch aus Europa sind jedoch nötig, um weitere Klärung zugunsten der AutorInnen zu erzielen. Detaillierte Informationen und die Liste zum Unterzeichnen des Heidelberger Aufrufs finden Sie hier.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!

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1. "sei du bei mir in meiner Sprache Tollheit" - Friederike Mayröckers Hölderlin-Zyklus
2. Netzwerkumgebung für Hölderlin (Gerhard Falkner) und Wahrnehmungssplitter eines sterbenden Dichters (Peter Schünemann)
3. Sich in Hölderlin vertiefen: Bücher zum Lesen und Hören
4. Nicht ohne Diotima - Beatrix Langners Romanbiografie

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1. "sei du bei mir in meiner Sprache Tollheit" - Friederike Mayröckers Hölderlin-Zyklus

Im kommenden November wird Friederike Mayröcker 85 Jahre alt. Ihre Gesammelten Gedichte2004 zum damals runden 80er erschienen (und einige auch bei lyrikline zu hören), hat sie inzwischen um reiche Produktion erweitert. "Glücklich im Schreiben, nur noch im Schreiben", ist die Dichterin seit dem Tod ihres Lebensgefährten Ernst Jandl (2000). Zwischen Januar und September 2008 entstanden die 40 Texte, die sie nun - um zwei ältere Eingangstexte ergänzt - unter dem Titel Scardanelli veröffentlicht hat.

In imaginären Streifzügen begegnet Mayröcker Friedrich Hölderlin und bewahrt in Überblendung zugleich das Andenken "an EJ", so die Überschrift eines der Gedichte: "Fröhlich waren /wir eine stille Fröhlichkeit ach ahnungslos war ich und / Vorfrühlingsmittag".
Einzelne Wörter, Zeilenfragmente aufnehmend, folgt die Dichterin Hölderlins hymnischen Versen, knüpft an seine freien Rhythmen an. Doch nicht jedes Zitat ist "original". Mayröcker spielt mit den Worten, montiert sie neu, benennt gleich im Eingangsgedicht von 1989 wie in einem Rezept ihr Vorgehen: "diese Prise Hölderlin/ im hellroten Hölderlinzimmer/ ... / ich öffne ein Fenster".
Die Natur wird zu beider Bindeglied, Hölderlins Blick gilt oft dem Kleinen. Mayröcker geht darauf ein, zieht den Faden verschiedentlich durch ihre Gedichte: "wo die verborgenen Veilchen sprossen, wo die verborgenen Veilchen schwärmten, so die verborgenen Veilchen sprieszen". So webt sie filigrane Textur: Bäume, Vögel, Luft und immer wieder Blumen - in den bildintensiven Naturbeschreibungen vermittelt sich die Erinnerung ans Glück, die Geborgenheit: "der/ Mond schwebte in seinen Gestalten, die Sterne fielen herab. Einge-/ bettet war ich in immerwährende Freude, Beständigkeit der Birnbäume/ vor dem Tor".

Leben und Tod sind sich nahe in diesem Zyklus, in dem Friederike Mayröcker den Blick auf das Scheiben an sich öffnet: "weiszt du noch,/ die Bilder in meinem Kopf rasen wie irrwitzige/ dieses mein Leben im Robinienflor die Gärten im Hauch der Lilien". Zur Tollheit, so der oben zitierte Gedichtanfang, ist es nicht weit - oder zur Seelenverwandtschaft: "ich möchte leben Hand in Hand mit Scardanelli".

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Im Überblick: Lyrik-Werkstätten und online Lyrikkurse im Juni:

5. bis 7. Juni: Lyrik und Jazz in Winterkasten. Öffentliche Lesung mit individuell abgestimmten Jazz-Improvisationen
19. Juni: BeGEISTert dichten. Unter klarem Sternenhimmel
20. bis 21. Juni: Poetische Bilder. Lektoratsreihe online Kurs 2
25. Juni: Schreibnacht online - Meeresträume. "Tiefe Stille herrscht im Wasser" (Johann Wolfgang Goethe)

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2. Netzwerkumgebung für Hölderlin (Gerhard Falkner) und Wahrnehmungssplitter eines sterbenden Dichters (Peter Schünemann)

Hölderlin Reparatur heißt Gerhard Falkners Ende letzten Jahres erschienenes Buch, für das er Anfang April den Peter-Huchel-Preis erhielt. Kann man Hölderlins hohen Ton in unserer Zeit noch vertreten, ohne sich lächerlich zu machen? Falkner stellt sich solcher Herausforderung und konfrontiert Hölderlins Texte (und die anderer Dichter wie Goethe oder Eichendorff, Rilke oder Brecht bis hin zu Sappho) mit der Erfahrung und Sprechweise einer technisierten Welt, die auf computer-gesteuerte Kommunikation zurückgreift. Seine "Reparatur", so der 1951 geborene Falkner, "bebildert mit [den] Gedichten die Idee des erhabenen Sprechens im Tumult der neuen, fragmentarischen und superkurzen Einsatz- und Bereitschaftssprachen".
Wohl mischt sich Ironie ein in solcher Gegenüberstellung, doch Falkner sucht weder die Persiflage noch Demontage der alten Meister. Im Rauschen, das sich beim Zusammenprall von Erhabenem und Alltäglichem ergibt, müssen sich die Texte in ihrem Kontext behaupten. Von "Reparaturtexten", "Reklamationen" und "Netzwerkumgebungen" ist dabei die Rede oder von "Material (Schlachten)", die zuletzt in den PC-Befehl "Alles löschen" münden. Übrig bleibt sehr wohl die ästhetische Erfahrung, dass sich in der Fremdheit moderner Sprachverknüpfung der hohe Ton literarischer Tradition nicht ohne Risiko, aber dennoch mit erstaunlicher Wirkung bewahrt.

In der poetischen Prosa Peter Schünemanns begegnet der Leser dem sterbenden Hölderlin, dessen Lebensstationen im Gedankenstrom auftauchen. Nicht mit Anekdoten und Lebensepisoden, nicht von außen, sondern aus der Perspektive des geistig umnachteten Ich-Erzählers - Hölderlin hatte die zweite Hälfte seines Lebens im Haus des Schreinermeisters Ernst Friedrich Zimmer in Tübingen in geistiger Verwirrung verbracht - verbinden sich Wahrnehmungssplitter, Gedanken, Gefühle, Erinnerungsfetzen zu einem bunten Kaleidoskop: "... im schneedunklen Frühjahr ein Klosterhofweg ein Kreuzgang ein Otternauge die Neckarsteige hinab aus den Höfen Schreie von der Mittagsspitze das Bockskraut am Fluß in den Abend geneigt das Holz der Kähne ..." Die Rastlosigkeit eines Lebens, die Kluft zwischen Ideal und damit nicht vereinbarer Lebensrealität werden in solcher Assoziation ohne Punkt und Komma deutlich. Schünemanns Novelle Scardanellis Gedächtnis führt hinein in die Gedankenwelt, lässt sie in den poetischen Bildern zur Wirkung kommen: eine Reise durch ein Labyrinth, die sich zu lesen und nachzuvollziehen lohnt.

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3. Sich in Hölderlin vertiefen: Bücher zum Lesen und Hören

In einer Hommage an Hölderlin, sollte der Dichter selbst nicht zu kurz kommen. Gerade die Lektüre von Peter Schünemanns Prosaband kann die Lust, sich mit Hölderlin und seiner Lebensgeschichte auseinanderzusetzen, anstacheln. Als "Dichter der Dichter" bezeichnete der Philosoph Martin Heidegger Hölderlin, für Romano Guardini, gleichfalls Philosoph, war er der letzte in der europäischen Literatur, der "das Schreiben als integrale geistige Erfahrung, als essentielle menschliche Tätigkeit" verstand. In dieser Ganzheitlichkeit sieht die Forschung teils auch die Aktualität Hölderlins.

Die Gedichte Friedrich Hölderlins sind in einer kommentierten Gesamtausgabe (Hg. Jochen Schmidt) erschienen. Unter den günstigen Textsammlungen sticht die Reclam-Ausgabe (Hg. Gerhard Kurz) heraus. Der Schauspieler Bruno Ganz liest Hölderlin-Verse auf CD.
Adolf Becks Hölderlin. Chronik seines Lebens gibt fundierte biografische Auskunft. Auf den Seiten der Hölderlin-Gesellschaft finden Sie weitere Hinweise und Links. Hanns Eisler hat 1943, Benjamin Britten 1958 Hölderlin-Fragmente vertont.

Die Gedichte Friedrich Hölderlins sind komplex und nicht leicht zu verstehen. Für einen intensiveren Einstieg empfiehlt sich Marcel Reich-Ranickis neues Buch Und voll mit wilden Rosen, das 33 Gedichte Hölderlins mit Interpretationen umfasst. Wer schließlich die Hölderlin-Rezeption der Moderne erfassen will, kann dies mit Hiltrud Gnügs Band An Hölderlin. Zeitgenössische Gedichte. Bis in die 90er Jahre sind hier die Reminiszenzen an Hölderlin seit der Nachkriegszeit versammelt.

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4. Nicht ohne Diotima - Beatrix Langners Romanbiografie

Zusammen mit Susette Gontard (1769-1802), der "Diotima" in seinen Gedichten und insbesondere in seinem Roman Hyperion, verbringt Hölderlin 1796 einige Wochen in Driburg. Die Frau des Frankfurter Großkaufmanns und Bankiers sucht dort mit ihren Kindern auf der Flucht vor der französischen Armee Schutz. Es dürfte - als der Liebesblitz bei beiden einschlug - Hölderlin glücklichste Zeit gewesen sein. Zurück in Frankfurt, beginnen die Verdächtigungen und Beobachtungen durch den Ehemann. Hölderlin verlässt 1798 das Haus. Heimliche Treffen und ein verstohlener Briefaustausch folgen bis ungefähr 1800. Als Susette, bereits lungenkrank 1802 an Röteln stirbt, folgt bei Hölderlin ein heftiger Ausbruch geistiger Zerrüttung.

Beatrix Langners Romanbiografie Hölderlin und Diotima stellt die Geschichte der beiden Liebenden in den Mittelpunkt. Die Autorin verzichtet auf Spekulationen oder den Blick durchs Schlüsselloch. Sie hält sich an Briefe und historisch gesichertes Material, auch wenn sie einzelne Szenen arrangiert und dadurch ihre Erzählung anschaulich macht. Im Rückgriff auf sozial- und alltagsgeschichtliche Quellen zeichnet Langner ein facettenreiches Bild der damaligen Frankfurter Gesellschaft, deren Rollenverteilungen, Sitten und modische Ambitionen und bettet die Liebesbegegnung behutsam in den historischen Rahmen ein.

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"Monatsgedichte" heißt es im nächsten Newsletter. Lassen Sie sich überraschen!
Es grüßt Sie bis dahin herzlich
Ihre
Michaela Didyk

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