Newsletter Januar 09
Sprachspielereien im D-A-CH-Verbund
Liebe Leserinnen und Leser,
Marillen und Paradeiser, Fleisch an oder in der Sauce - die deutsche Sprache hat ihre länderspezifischen Besonderheiten, sei es in Deutschland, in der Schweiz oder in Österreich. Geht man noch eine Sprachstufe weiter in die Mundarten, so vergrößert sich das Spektrum genauso wie beim Sprachgebrauch durch die Jahrhunderte.
Der heutige Newsletter will hier Brücken schlagen. Sie finden Lexika und Hörbeispiele, die Ihnen die Sprachvielfalt vor Augen führen, aber auch "Übersetzungshilfe" bieten. Oder wissen Sie auf Anhieb, was H. C. Artmann in seinem Gedicht mit "blauboad" und "fagrom" meint? Wenn Sie schließlich mit einem "voice reader" geschriebene Zeilen hörbar machen, kann das nicht nur Ihr Dichten bereichern, sondern passt auch für einigen Nonsens(e) in die Faschingszeit.
PS: In diesem Jahr habe ich mich für einen jeweils halbjährlichen Überblick über mein Kursprogramm entschieden. Neben der Kartenversion per Post, die Sie mit Mail anfordern können, lässt sich die Vorschau hier auch als pdf herunterladen
Viel Spaß bei der Lektüre!
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1. Nachschlagen für Jahrhundertbedeutungen
2. Lexika im Dreiländeraustausch mit Querschlag zu Karl Valentin
3. Mundart in der Dichtung: H. C. Artmann, Ernst Jandl
4. Sprechender Sprachatlas und "Voice Reader"
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1. Nachschlagen für Jahrhundertbedeutungen
Bei Fremdsprachen sind wir es gewohnt, zum Lexikon zu greifen. Doch für die eigene Sprache? Der Rechtschreibduden ist vermutlich im Einsatz, aber ein Wörterbuch, das über die Nuancen und Entstehung von Bedeutungen Auskunft gibt, nutzen wir kaum. Dabei kann es hilfreich bis sogar spannend sein, Wörter und Wendungen in ihrer Herkunft und geschichtlichen Entwicklung nachzuvollziehen. Was wir bei der Lektüre alter Gedichte aus unserem zeitgenössischen Kontext übertragen, verändert nicht selten den ursprünglichen Sinn. Doch manchmal verstehen wir Ausdrücke überhaupt nicht mehr. Oder wissen Sie, was ein Schulfuchs, ein Schellhengst ist oder was Goethe mit "quammig" meinte? Herrmann Pauls Deutsches Wörterbuch hilft hier als wissenschaftliches Standardwerk aus der Verlegenheit und listet zudem auch regionale Wortbildungen auf, die alten Sprachbestand oft erstaunlich bewahren.
Schreiben Sie doch regelmäßig über einen längeren Zeitraum Gedichte, für die Sie ein Sprichwort oder eine Redewendung zum Ausgangspunkt heranziehen. Da hier meist "verbrauchte" Metaphern vorliegen, kann diese Schreibpraxis gut bildhaften Ausdruck auffrischen. Dass Ihnen der Stoff auch nach Wochen noch nicht ausgeht, garantiert hier der spezielle Duden mit Redewendungen.
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2. Lexika im Dreiländeraustausch mit Querschlag zu Karl Valentin
Wörter, die in der Schweiz zum Alltag gehören, lassen in Deutschland aufhorchen, weil die Form nicht mehr üblich ist. Es dünkt mich, ist ein Beispiel dafür. Geht man in Österreich zum Einkaufen, bekommt man keine Tüte oder Tragetasche, sondern ein Sackerl. Das Obst, Ribisel beispielsweise, stecken dann im "Stanitzel". Lautmalerischer hört sich das allemal an. Auch wenn die Aussprache ein Kapitel für sich ist, gibt es zumindest Übersetzungshilfe beim geschriebenen Wort. Wer die verschiedenen Spracheigenheiten näher kennen lernen will, kann in Kurt Meyers Schweizer Wörterbuch nachschlagen oder das Wörterbuch Österreichisch-Deutsch
von Astrid Wintersberger (Mitarbeit H. C. Artmann) heranziehen. Für Österreich bietet auch das Internet einen guten "Zugang" hier.
Mischen Sie Ihre Texte sprachspielerisch mit solchen "Fremdwörtern" auf oder schreiben Sie, wenn nicht ein Mundartgedicht, so doch ein Lautgedicht in der Art Karl Valentins. Seine "Chinesischen Couplets" sind immerhin bayerischen Ursprungs, wie Sie aus den folgenden zwei Zeilen unschwer erkennen: "Wanni ko na kimmi, kummi aber nimmi/ Kim i, kumm i, aber i kim kam". Wenn Sie Lust haben, mehr von diesem vielseitigen Sprachkünstler zu erfahren, finden Sie hier seine Gesammelten Werke und auf YouTube einige Couplets, die er zusammen mit Liesl Karlstadt spielte.
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3. Mundart in der Dichtung: H. C. Artmann, Ernst Jandl
Mit den Sprachspielen ist der Sprung zu Ernst Jandl und H. C. Artmann nicht weit. Bei Jandl verhaltener, verwendet Artmann häufiger das Wienerische in seinem Werk, ohne es jedoch darauf festzulegen. Zwei wichtige Bände des - wie Jandl - im Jahr 2000 verstorbenen Artmann sind How much, schatzi?
und Aus meiner Botanisiertrommel
. "Blaubart/ blauboad" und "vergraben/ fagrom" ergeben sich als Lösungsworte für die eingangs gestellte Frage von alleine, wenn Sie H. C. Artmann auf lyrikline im Wiener Dialekt lesen hören.
Ernst Jandl finden Sie beispielsweise in Mundart mit de easchdn im sound- oder mit verschiedenen Lesungen im video-Archiv seines Verlages. Das ist ein Genuss, den man sich neben der Lektüre Jandls - hier Werke in Auswahl - immer wieder gönnen sollte.
Dichtung in Mundart zu schreiben, folgt einer eigenen Traditionslinie, die jedoch häufig belächelt wird. Der Gedanke an Brauchtum und konservative Gesinnung ist (vor)schnell damit verbunden. Dass dem nicht so sein muss und ist, zeigen die angeführten Beispiele. Für ein Klangspiel und Bewusstmachen von Lauten als kleinster Spracheinheit in Ihrem poetischen Handwerkskoffer ist es deshalb auch in Ihrem Dichten den einen oder anderen Versuch wert.
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4. Sprechender Sprachatlas und "Voice Reader"
Sprechender Sprachatlas klingt aufs Erste nach einer Tautologie wie "weißer Schimmel". Doch Sie werden bei einem Klick schnell die Besonderheit sehen. An Begriffsbeispielen aus unterschiedlichen Lebensbereichen hören Sie - auf Bayern bezogen - die regionale Ausdrucksvielfalt vom Bodensee bis zum Bayerischen Wald. Ob Bonbon, Bumbala oder Guatsli, ob Bulln, Hag, Stier oder Bummerl - je nach Knopfdruck ertönt das Wort im jeweiligen Dialekt gesprochen. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschung seit 1984 stellt die Bayerische Staatsbibliohek München mit diesem Projekt Tonmaterial aus etwa 70 Orten zur Verfügung, - ein äußerst klangvolles Anliegen.
Die Stimme hörbar machen, solche Technik ist auch für Ihre Texte von Nutzen - durchaus in der "Hochsprache", in der Sie vermutlich schreiben. Ihre Verse von jemand anderem gelesen zu hören - so die Erfahrung in meinen Lyrikseminaren - hilft, mehr Distanz zum Geschriebenen herzustellen. Und dies geht auch mit einem "Voice Reader" auf Ihrem PC oder Laptop in der stillen "Schreibkammer". Jürg Kleemann gab mir aus seiner Dichterpraxis den Tipp eines solchen Programms, den Sie mit einer Testversion ausprobieren können. Schreiben Sie Ihre Zeilen in das vorgesehene Feld und lassen Sie sich Ihren Text vorlesen (Tipp: ein Gedankenstrich am jeweiligen Versende macht sich in Tempo und Zäsur gut). Wer gerne spielt, kann die freundliche Lady am Bildschirm - mit einer Mundartstrophe aus Artmanns blauboad herausfordern oder sich alles in englischer und französischer Aussprache anhören. Ich bin mir sicher, dass Sie aus solchem "Lesedienst" neue Ideen für Ihr Schreiben gewinnen, ernst oder lustig, ganz wie es Ihnen behagt.
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Mit den heutigen Sprachhinweisen, die hoffentlich mit einer Prise Humor zum Faschingsgefühl beitragen, wünsche ich eine gute närrische Zeit.
Ich grüße Sie herzlich,
Ihre
Michaela Didyk
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(c) Michaela Didyk M.A.
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