Newsletter November 2011
Mit den Musen auf vertrautem Fuß
Liebe Leserinnen und Leser,
was wären Dichtung und Kunst ohne Muse? Auch wenn wir heute das Wort profan oder vielleicht augenzwinkernd verwenden (dabei mit Ulla Hahn den "Muser" mitmeinen), lässt sich nicht alle Inspiration mit Flow und Kreativitätsphase erklären. Geheimnisse bleiben, Texte (ent)stehen trotz allem Schweiß, den Thomas Edison immerhin mit 99 Prozent Transpiration gegenüber einem Prozent Inspiration ansetzt, oft als Geschenk auf dem vormals blanken Papier. Wie nah oder fern Ihnen die Musen nun sind, ihre Bekanntschaft kann sich eigentlich nur lohnen, egal ob sie geistige Wesen sind oder aus Fleisch und Blut.
Viel Vergnügen beim heutigen Newsletter!
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1. Die zahlreichen Gesichter der Muse
2. Die weibliche Seite Venedigs
3. Erinnerung und Spurensuche
4. Sophie Paulchens Schreibprojekt "frapalymo"
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1. Die Gesichter der Muse
Einst der dreifachen Mondgöttin zugerechnet, dann mit Naturwesen überlagert und im Lauf der Jahrhunderte auf neun erhöht, siedelten die Musen aus ihren ursprünglichen Himmelsgefilden in irdische Landschaft um: Am Berg Helikon lebten sie im "Tal der Musen", über dem nahe dem Gipfel Pegasus mit einem Hufschlag die Quelle Hippokrene zum Vorschein brachte. Dort soll die Poesie entstanden sein. Als sich Apoll zum Anführer der Musen aufschwang, verlagerten sie ihren Sitz nach Delphi. Wer sich mit der Herkunft der Musen näher befassen und sich in den über tausend Jahre gewachsenen Mythos dieser allseits begeisternden Damen vertiefen will, ist mit Raoul Schrotts Band Die Musen, wenngleich schon Ende der 90er erschienen, gut beraten. In seiner querdenkerischen Art beleuchtet der Literat und Autor den Kult der Musen und den Ursprung der Dichtung.
Aus ihrer matriarchalen Sicht hatte Heide Göttner-Abendroth in ihren neun Essays Für die Musen Ende der 1980er Jahre bereits für eine ganzheitliche Ästhetik plädiert. In ihren Thesen zeigt sie, dass Kunst nicht losgelöst und parzelliert werden kann, sondern in einer gemeinschaftlichen Verantwortung entsteht und ausgeübt wird. In meinen Unitagen als Philosophiestudentin in Heide Göttners Seminaren eingeschrieben, konnte ich bald in ihrem privaten Diskussionszirkel die Konzeption und wissenschaftliche Fundierung ihrer Matriachatsforschung miterleben. Ihr systematischer Zugang zu einem intuitiven archaischen Wissen war eine der wesentlichen Initialzündungen für meinen eigenen kombinatorischen Weg. Die Musen hatten ihren Zugang zu und in mir geöffnet.
Neun Musen aus Fleisch und Blut widmet die amerikanische Schriftstellerin Francine Prose ihr Buch Das Leben der Musen. Von Lou Andreas-Salome bis Yoko Ono. Musen waren nicht die Opfer in der meist symbiotischen Beziehung, sondern sie waren durchaus einflussreich und forderten von ihrem Künstler auch Tribut. Die irdischen Musen ihrer vorgestellten Paare waren Geliebte, ebenso auch Mutterersatz und Pflegerin. Doch in diesen Rollen scheint das Bild der Musen im letzten Jahrhundert ausgestorben zu sein. Hauptsächlich ihre Funktion als Managerin dürfte sich auf die zeitgenössischen Musen, so es sie noch in solchem Beziehungsgefüge gibt, übertragen haben.
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2. Die weibliche Seite Venedigs
Vielen Orten scheint eine "Musenkraft" innezuwohnen. Mag sich vielleicht mehr der genius loci dahinter verbergen, die Begeisterung springt über. Venedig ist ein solcher Ort, der Künstler und Dichter magisch anzog und immer noch vielen als Sehnsuchtsort gilt. Worin liegt die Inspiration, was macht Venedig gleichsam zur Muse? Sind es die verschiedenen Gesichter, die die Stadt ihren Besuchern zeigt? Die Traumkraft, die mit dem Wasserelement verbunden ist? Oder ist es das "Herausfallen" aus dem Gewohnten, scheint doch die Stadt generell anderen Gesetzen unterworfen.
Venedig zu erkunden und seine zahlreichen Facetten ins dichterische Wort zu übersetzen, gehört zum jährlichen Seminarprogramm von Unternehmen Lyrik. Mit Stadtgängen, themenspezifischen Schreibimpulsen und im intensiven Austausch der Teilnehmer/innen werden im Sinn Rilkes aus Erfahrungen Verse, deren Tiefe, frei von Klischees, zu spüren ist. Das aktuelle Motto der diesjährigen Stadtgedichte ist die weibliche Seite Venedigs. Wie vermischen sich Projektion und Traum einer als weiblich empfundenen Stadt mit der Realität venezianischer Dichterinnen. "Hast du der Gaspara Stampa denn genügend gedacht", heißt es in der ersten Duineser Elegie Rainer Maria Rilkes. Er hatte Anfang des 20. Jahrhunderts die vergessene Renaissance-Dichterin mit ihren bekannten Liebessonetten erst wieder in Erinnerung gebracht.
Venedig mit seinem speziellen Flair im November und frei von Touristenströmen lädt Sie ein. Wenn Sie sich spontan entscheiden - zwei Plätze sind für das Seminar am 18. bis 20. November noch frei. Zur Anmeldung
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NOVEMBER BIS DEZEMBER 2011 IM ÜBERBLICK - UNTERNEHMEN LYRIK:
WERKSTÄTTEN UND ONLINE-KURSE
14. bis 15. November: Lektoratskurs online: Das Spiel mit der Form
18. bis 20. November: Stadtgedichte - Werkstatt in Venedig. Die weibliche Seite Venedigs. Mythen, Projektionen, Realitäten.
24. November: Schreibnacht online: Grusel- und Schauergedichte - "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?" (Johann Wolfgang Goethe)
20. Dezember: BeGEISTert dichten: Winterlieder - Traum und Essenz
24. Dezember bis 6. Januar: BeGEISTert dichten: Schreiben in den Raunächten. Ein poetisches Tagebuch für die Zukunft. Diesen E-Mail-Kurs erhalten Sie als Gesamtpaket vor den Feiertagen.
Jederzeit möglich ist der Einstieg in das halbjährige Lyrik-Training Abonnement, jeweils zu Monatsbeginn können Sie - inzwischen für ein ganzes Jahr - die E-Mail-Impulse "Ein Gedicht pro Woche" starten.
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3. Erinnerung und Spurensuche
Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung, soll Zeus - zumindest seit dieser als Göttervater auftritt - die neun Musen geboren haben. Die Erinnerung liegt also der Inspiration voraus oder geht ineinander über.
In ihren Essays zur poetischen Sprache nimmt die zeitgenössische dänische Dichterin Inger Christensen in ihrer philosophischen Art auf die Erinnerung allgemein Bezug. Ohne die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen oder von der Welt zu berichten, zu singen oder zu tanzen, könnten wir nie die Welt begreifen. "Alles Wissen, das wir haben", so die Dichterin, "ist in einem gewissen Sinn schon in den großen Kunstwerken gesammelt." Doch nur wenn man es zuvor schon erlebt habe, könne das Erkannte wirklich werden. "Ohne daß man es nennen könnte, ruht es erst in einem, dann steht es plötzlich da als Bild, und was anderen geschieht, erschafft sich in einem selbst als Erinnerung: jetzt ist es wirklich."
Mehr Meer. Erinnerungspassagen lautet der Titel der Autobiographie der Schweizer Literaturwissenschaftlerin und Lyrikerin Ilma Rakusa. In der Slowakei geboren, in Budapest, Ljubljana und Triest aufgewachsen, bis sie 1951 fünfjährig mit ihrer Familie in die Schweiz übersiedelte, zeichnet sie in ihrem Buch ihre Lebensgeschichte nach - poetisch in Bildern und Verdichtungen, keiner Chronologie verpflichtet. "Ist damals damals? Ist heute heute? Die Zeit ist keine Fadenspule. Am Schnürchen aufgereiht ist nichts. Meine Erinnerung gleicht einer treibenden Eisscholle, die aufragt, untertaucht, bis sie allmählich, sehr allmählich, weniger wird. Gegen die Auflösung ist nichts einzuwenden. Noch aber buckelt sich dies und das. Hat Kontur. Hat Gewicht."
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4. Sophie Paulchens Schreibprojekt "frapalymo"
"mitmachen ist erwünscht: sei es als inspirationsgeber oder mitschreiber." Die tristen Novembertage aufhellen will Sophie Paulchen mit ihrem Schreibprojekt "frapalymo", mit dem sie einen Monat lang zu einem täglichen Gedicht aufruft. Als erfahrene und vor allem disziplinierte Schreiberin weiß sie, worauf sie sich einlässt. Zweimal hat sie bereits beim auf Romane ausgerichteten NaNoWriMo (National Novel Writing Month) mitgemacht. Da ihr Schwerpunkt derzeit auf Lyrik liegt, gilt 2011 die Devise "frau paulchens lyrik monat". Wie Sie ab 1. November mitmachen können - schreibend oder/ und als Muse(r), erfahren Sie im Blog der Initiatorin.
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Die zweite Serie der der Monatsgedichte ist in vollem Schwung. im fünften "Mond" geht es um das Thema Nachtgedanken. Mit einem Klick auf den roten Link können Sie die Details der Ausschreibung herunterladen.
Für Schreibanlässe ist also im November gesorgt. Lassen Sie sich inspirieren, die Musen sind mit Pegasus immer noch und wieder anzutreffen.
Ein gutes Schaffen wünscht Ihnen
Ihre
Michaela Didyk
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