Stadtgedichte

Die weibliche Seite Venedigs. Mythen, Projektionen, Realitäten.

Venedig, 18. bis 20. November 2011 

Venedig - Fensterreihe mit Spitzbögen und grünen Fensterläden
© josecarli/ www.sxc.hu

Rilke reiste insgesamt zehnmal nach Venedig und blieb teils sogar mehrere Wochen. Die Stadt gab ihm immer wieder Impulse: "Denn wir werden nicht fertig miteinander von einem zum anderen Mal, und es wär gut zu wissen, was wir uns wollen, eines vom andern." Friedrich Nietzsche besuchte die Serenissima fünfmal. Auch Goethe machte auf seiner Italienischen Reise dort Halt: "So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben, daß ich 1786 den achtundzwanzigsten September, abends, nach unserer Uhr um fünfe, Venedig zum erstenmal, aus der Brenta in die Lagunen einfahrend, erblicken und bald darauf diese wunderbare Inselstadt, diese Biberrepublik betreten und besuchen sollte."

Venedig als Muse

Venedig gilt und galt vielen Dichtern und Künstlern als Sehnsuchtsort. Worin liegt die Inspiration, was macht Venedig zur Muse? Sind es die verschiedenen Gesichter, die die Stadt ihren Besuchern zeigt? Die Traumkraft, die mit dem Wasserelement verbunden ist? Oder ist es das "Herausfallen" aus dem Gewohnten, scheint doch die Stadt insgesamt anderen Gesetzen unterworfen.
Der Blick auf Meer und Golddächer, auf  Luxus und Prunk kann den Schatten und Zerfall nicht ausblenden. Dennoch bleibt die Begeisterung für die Stadt zu spüren, in der Kanäle anstatt breiter Straßen die Viertel durchziehen, in denen Hochhäuser fehlen und Boote und Gondeln die gewohnten Fahrzeuge ersetzen. Ungezählte Brücken, dunkle Durchgänge verästeln das Labyrinth enger Gassen, in denen man sich so leicht verirrt.
Doch ergeben sich dadurch nicht genau neue Blickwinkel? Zumal wenn die Spiegelungen im Wasser zusätzlich Oben und Unten verkehren? Perspektiven ändern sich und ziehen in den Traum. Geheimnisse sind in den alten Mauern zu spüren, an die unaufhörlich die Wellen klatschen, so als seien sie im Zwiegespräch.

Gaspara Stampa, Veronica Franco und Sara Copio Sullam

Porträt der Renaissance-Lyrikerin Gaspara Stampa mit Lorbeerkranz im Haar und eine Lyra haltend
Gaspara Stampa - Quelle: Wikipedia

Venedig, in dessen Namen die alte Göttin als Beschützerin anklingt, war dominante Seemacht, die - eher Mars folgend - hart zu verhandeln und vor allem Krieg zu führen verstand. Auch mit ihren Töchtern ging die Serenissima wenig zimperlich um. Frauen hatten über Jahrhunderte hinweg wenig Freiraum, lebten sogar eingesperrt - mehr noch als in anderen Ländern und Städten.
Geht man raren Spuren nach, so finden sich Dichterinnen und Künstlerinnen, Philosophinnen, die ihre Kollegen zwar überragten, aber klein gehalten wurden. Die dichtende Kurtisane Veronica Franco traf der Vorwurf der Hexerei, gegen Verleumdung hatte sich die weltoffene jüdische Philosophin Sara Copio Sullam aus dem Ghetto Vecchio zu wehren. Die Lyrikerin Gaspara Stampa hatte ihnen voraus schon Anfang des 16. Jahrhunderts gegen die Gleichgültigkeit angekämpft, hatten die Frauen Venedigs doch einem Sprichwort gemäß in erster Linie "zu gefallen, zu schweigen, im Hause zu bleiben". Erst Rilke setzte dieser Dichterin der Renaissance im "Malte" und in den "Duineser Elegien" ein Denkmal.

Lyrikwerkstatt - Vorgehen und Gewinn

Um die weibliche Seite der Serenissima zu ergründen, geben Gedichte venezianischer Dichterinnen sowie Texte Venedig-begeisterter Autoren aus aller Welt der Werkstatt einen ersten Rahmen. Die konkreten Stadterkundungen während des Seminars füllen diesen themenspezifisch mit der eigenen Sicht auf Venedig. Im Zusammenspiel von direkter Wahrnehmung, vorgegebenen Blickwinkeln und den vielfachen Projektionen auf Venedig können so ungewöhnliche Gedichte entstehen, die der schon so oft besungenen Stadt ungewöhnliche Facetten abgewinnen und diese durch Reflexion vertiefen.
Ihr Gewinn beim Schreiben liegt vor allem im Loslassen von Klischees und im sinnlichen Zugang zu einem Thema. Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven zu stellen, lässt in der Freiheit aller Kombinationsmöglichkeiten eine umso vielfältigere Antwort zu. Solche Komplexität ist das A guter Gedichte, das O aber, diese Fülle zu präzisieren und poetisch zu verknappen.
In den gut zwei Tagen der Lyrikwerkstatt vor Ort gibt es also viel zu feilen und schleifen. Die kleine Teilnehmer/innengruppe bis zu fünf Personen ermöglicht über das abwechslungsreiche Arbeiten hinaus einen intensiven Austausch.

Ort, Termin, Kosten

Informationen zu günstigen Zugverbindungen finden Sie auf den Aktionsseiten der DB, ÖBB oder SBB.

Hier können Sie die Ausschreibung herunterladen

Stadtgedichte_Venedig_2011.pdf

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