Literatur-Schreibnacht

Christine Lavant oder eine Sprache in Bildern

6. November 2012

"Zieh den Mondkork endlich aus der Nacht"

Christine Lavant [Grafitti von Jef Aerosol am Musilhaus in Klagenfurt] © Neithan90 - Wikimedia Commons

Die dritte Literatur-Schreibnacht ist der österreichischen Dichterin Christine Lavant (1915-1973) gewidmet.
Seit frühester Kindheit von lebensbedrohlicher Krankheit und von Armut geprägt, den engen Umkreis ihres Heimatdorfes in Kärnten kaum verlassend, eröffnet sich Lavant schon bald eine Traumwelt, in der sie ihrem Leiden und der damit verbundenen Außenseiterposition zu entkommen sucht. Als sie sich 12-jährig wegen einer schweren Lungentuberkulose einer Röntgentherapie unterwerfen muss, die schwere Verbrennungen an Hals und Gesicht nach sich zieht, unternimmt sie ihren ersten literarischen Versuch und schreibt die Geschichte einer Seelenwanderung. Vom Unterricht befreit, da sie den langen Schulweg körperlich nicht durchhalten kann, eignet sich das Mädchen autodidaktisch durch eifrige Buchlektüre Wissen an. Ein Band mit Rilke-Gedichten, den ihr die Bibliothekarin eines Tages mitgibt, weckt genauso wie die Goethe-Ausgabe - ein Geschenk ihres Arztes - Christine Lavants Interesse an der "hohen" Kunst. Ihre 1950 unter dem Titel "Die unvollendete Liebe" erstmals publizierten Gedichte - auf Anraten ihres Verlegers nennt sie sich seitdem nach dem Fluss ihres Heimattales Lavant - stehen noch ganz unter dem Einfluss Rilkes.

Dichten und geistiger Austausch

Über Jahrzehnte galt die Dichterin als "Naturtalent": Von einfacher Herkunft, hieß es, schreibe sie aus dem Gefühl. Doch Christine Lavant war nicht nur in hohem Maß belesen, die wissenschaftliche Aufarbeitung ihres Werkes zeigt, dass sie sehr wohl an ihren Texten feilte.
Die Dichterin setzte sich mit Philosophie auseinander, schon früh hatte sie sich u. a. Bücher von Kant aus der Bibliothek geholt. Sie befasste sich mit den okkulten Werken Ouspenskys und Gurdjieffs. Über die Schriften Martin Bubers - sie stand mit ihm auch in Briefkontakt - kam sie mit der jüdischen Mystik in Berührung. Vermutlich las sie auch alchimistische Texte.
Mit zahlreichen Dichterkolleg/innen korrespondierte Christine Lavant, nachdem sie 1950 in einer Lesung bei den St. Veiter Kulturtagen großen Erfolg für sich verbucht hatte. Wenn sie in guter seelischer Verfassung war, brillierte sie bei Tischgesellschaften und faszinierte ihre Zuhörer.
Lavant hatte ebenso Austausch mit Hilde Domin und Christine Busta. Mit letzterer erhielt sie 1954 gemeinsam ihren ersten Georg-Trakl-Preis für Lyrik. 1964 wurde er ihr nochmals allein zugesprochen. In die Blütephase ihres Schaffens während der 1960er Jahre fielen weitere wichtige Auszeichnungen bis hin zum Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur, den sie 1970 in Empfang nahm.
Die "Bettlerschale" (1956), "Spindel im Mond" (1959) und "Der Pfauenschrei" (1962) gehören zu Lavants bedeutsamsten lyrischen Publikationen. 14 Jahre nach ihrem Tod brachte Thomas Bernhard mit seiner Textauswahl für einen Sammelband (Suhrkamp) die Dichterin wieder in Erinnerung. Thomas Kling widmet der Österreicherin in "Botenstoffe" (2001) ein Kapitel: "Christine Lavant hat die Rolle der Zweifelnd-Zweifelhaften (Blick der Gesellschaft auf sie), der 'Verzauberten' (Selbsteinschätzung) akzeptiert, hat sie genutzt, fruchtbar gemacht in einem immensen Bilderreichtum. Lavants Außersichsein, ihre 'Bilderkraft', ihre lunatische Lust am Text beachtet [...] keine Ideologie." (S. 175)

Die Bildersprache Christine Lavants

Christine Lavants Lyrik entwickelt aus einer zunächst überschaubaren Begrifflichkeit eine dichte Bildersprache. Quelle ihrer Bilderwelt sind ihrer eigenen Aussage nach die Natur, der Dialekt und ihr "schmerzgepeinigter" Körper. Spontane Wortschöpfungen, die die Dichterin später für Texte heranzieht, religiöse und mystische Schriften, auch Brauchtum und Folklore ihrer unmittelbaren Lebenswelt fließen in die Gedichte ein. Ebenso verarbeitet sie Traumpassagen, die sie sofort nach dem Aufwachen oder dem Wiederauftauchen aus  Versunkenheit notiert und als "Textmaterial" sammelt. Ingeborg Teuffenbach, eine der engsten Vertrauten Lavants in deren stetem Wechsel zwischen Hochgefühl und Depression, setzt das Bilderschaffen in Bezug zu den Mystikern: Alles Wissen werde in Bild und Symbol überbracht. Der Mond übernimmt dabei eine Hauptaufgabe. Er ist Lavant auch im Alltag Begleiter, wenn sie schlaflos, im Übermaß von Tabletten, Tee und Nikotin ihre nächtlichen Spaziergänge unternimmt: "Untertänig ziehn die Sterne/ um des Mondes Hof im Osten".
"Metaphern-Stürme. Bilder, bedrohlich wirbelnd wie die wilde Jagd" - so fasst Thomas Kling in seinem bereits erwähnten Band Lavants Bilderkraft zusammen. Für ihn ist ihre Dichtung eine der Evokation. In die Anrufungen mischen sich Bannsprüche, um Urängste zu vertreiben. In flehenden Formeln artikulieren sich Zweifel. Immer ist es der Körper, der damit auch zur Sprache kommt: "Nun beschaffe / aus meinem Blut dir den Bogen und flieg/", heißt es in einem Gedicht.

Intention der Literatur-Schreibnacht

Die Literatur-Schreibnacht bietet Ihnen zunächst die Möglichkeit, lyrische Texte und Themen sowie den Motivschatz Lavants intensiver kennenzulernen. Das bräuchte keinen Rekurs auf ihre Person. Das Einfließen biografischer Details kann Ihnen jedoch - durch spezielle Impulse angeleitet - für Ihr eigenes Schreiben verdeutlichen, wie sich Blickwinkel verfremden und sich aus Spannungsverhältnissen eigener "Stil" entfaltet. Christine Lavant hatte viele, teils widersprüchliche Gesichter. Ihrer Krankheit und Außenseiterrolle in dörflicher Enge setzte sie ihr Schreiben entgegen. Ihre Wahrnehmungsfähigkeit im Bezug auf Körper und Umfeld, das ihr zur eigengestalteten Welt wird, zeichnet ihre spannungsvolle Bild- und Sprachkraft aus.

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