Newsletter Juni 07
Doppelt über Sprachgrenzen hinaus: Klang und Kunstinstallation in der Schweiz
Liebe Leserinnen und Leser,
Wort, Bild und Musik verschwistern sich gern. So führt Sie der heutige Newsletter mit "Leselampe", Klang und Kunstinstallation in die deutschsprachige Schweiz.
Viel Vergnügen auf Ihrer Erkundungsreise und einen besonderen Gruß an die Schweizer AbonnentInnen.
1. Kenner der Lautpoesie: Urs Engeler und Christian Scholz
2. Andreas Neesers Gedichte: "Und wo das Verstehen aufhört, beginnt die Musik."
3. "Dialog im Schatten" - Erika Wagners Installation zum Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze
4. Nicht nur mit Leselampe interessant: Das "Müllerhaus. Literatur und Sprache"
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1. Kenner der Lautpoesie: Urs Engeler und Christian Scholz
Lyrikpublikationen in der Schweiz - kein Weg führt hier an Urs Engeler und seinem Verlag vorbei. Mit seinem internationalen Programm setzt der Herausgeber über die Landesgrenzen hinweg Akzente, sei es mit der bereits im Newsletter (August 06) vorgestellten Zeitschrift "Zwischen den Zeilen" oder den anspruchsvollen Dichterreihen. Wer Strömungen erfassen will, den Überblick sucht, ist hier an der richtigen Stelle. So ist zwar die folgende Anthologie - erschienen 2003 - nicht mehr neu, aber immer noch einzigartig. Der von Engeler und Christian Scholz herausgegebene Band Fümms bö wö tää zää Uu. Stimmen und Klänge der Lautpoesie lädt seine LeserInnen ein, quer durch die Jahrhunderte, quer durch die Kontinente dem Klangzauber zu folgen. Auf der beiliegenden CD lassen sich - mit dafür exklusiven Aufnahmen - wichtige zeitgenössische LautdichterInnen hören. Keine streng wissenschaftliche Abhandlung, sondern das - geglückte - Unternehmen, die Fülle des Materials zu sichten, brachte eine Mischung lautpoetischer Texte und poetologischer Reflexionen hervor. Dass der Klang von manchem Künstler nicht nur mit Hilfe von Notenzeichen festgehalten ist, sondern sich dem Bild einer "Geheimschrift" annähert, macht zudem die grafische Gestaltung des Buches deutlich und fürs Auge zum Genuss; eine Anthologie für sinnenreiche Entdeckungen.
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2. Andreas Neesers Gedichte: "Und wo das Verstehen aufhört, beginnt die Musik."
Einen "Mann der leisen Zwischentöne" nannte ein Rezensent den Schweizer Autor Andreas Neeser (*1964), der u. a. 2004 mit dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet wurde. Schichtungen, 2006 erschienen, oder schon zuvor Treibholz und Gras wächst nach innen
sind Gedichtbände, in denen Neeser seine Sprachkraft zeigt. Ob Tod und Abschied oder die Erfahrungen fremder Länder - Neeser lebte zeitweise in London, Lissabon, Paris und Berlin -, die Bilder öffnen weiten Raum: "Am Wegrecht vorbei/ der Aufstieg durchs Land unserer Mütter.// Blank liegt die Steinader, Gras". Das Unterwegs sein zwischen den Worten wird zum steten Antrieb, das Unsichtbare und Sprachlose zu erfahren. "Und wo das Verstehen aufhört, beginnt die Musik", kommentiert der Dichter sein Arbeiten selbst.
So verwundert es nicht, dass Texte von Andreas Neeser vertont wurden (von Michael Schneider und Meinrad Schütter) und zu seinem Werk auch ein Opernlibretto zählt. Der neueste Band Grenzland. Ein Klangbuch ist eine Zusammenarbeit mit dem Basler Cellisten Martin Merker. Im Zusammenwirken von Sprache und Musik entstehen neue Klang- und Bildwelten. Für ihr erstes gemeinsames Projekt wurden Martin Merker und Andreas Neeser Anfang des Jahres als "Pro Argovia Artists 2007/2008" ausgezeichnet.
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3. "Dialog im Schatten" - Erika Wagners Installation zum Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze
Erika Wagner (*1974), Künstlerin und Lyrikerin aus Luzern, nimmt den Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze zum Ausgangspunkt ihrer neuen Installation Dialog im Schatten. Die Schriftstücke, zwischen 1952-1973 verfasst und 2004 auf Wunsch Henzes veröffentlicht, geben Einblick in die intensive Verbindung der Dichterin und des Komponisten. Der Austausch über die Arbeit, die Sehnsucht nach Nähe und die Unmöglichkeit, diese zu leben, werden immer wieder deutlich.
Erika Wagner projiziert Brieffragmente auf beide Seiten einer Folie in der Mitte eines Raumes. Farbige Sprachfelder entstehen, setzen den Dialog in sinnliche Erfahrung um. Schrift und Spiegelschrift verflechten sich ineinander, zeigen Distanz und Nähe und werden für den Besucher als intimer Dialog interaktiv erlebbar. Denn nur wenn er selbst diesen "Gesprächsraum" betritt, d.h. seinen eigenen Schlagschatten auf die Folie wirft, sind die Texte zu lesen. Die Worte öffnen sich in solch intermedialem Zusammenwirken von Schrift und Projektion, Körper und Schatten. Der gemeinsame Schaffenswille und die dennoch unterschiedlichen Perspektiven - Bachmanns Dichtung und Henzes Musik - kommen ins Spiel. Die Unerreichbarkeit des anderen, die Utopie wird bewusst, "mittels Botschaften räumliche Distanz überwinden zu können." (Erika Wagner)
Die Installation ist vom 16. bis 28. Juni in Luzern (Orell Füssli, Frankenstrasse 7/ 9) zu sehen.
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4. Nicht nur mit Leselampe interessant: Das "Müllerhaus. Literatur und Sprache"
Andreas Neeser begegnet Ihnen hier noch einmal als Leiter des Aargauer Literatur- und Sprachhauses in Lenzburg. Als "schönstes Aargauer Bürgerhaus aus dem 18. Jahrhundert" wurde das Müllerhaus - so genannt nach seinen letzten Besitzern - nach der Renovierung 2004 der Öffentlichkeit übergeben. Schon zuvor war es ein kulturelles Zentrum, das mit bekannten Namen wie Ernst Klee oder Hermann Hesse, Theodor Heuss oder Albert Schweitzer, verbunden war.
Neben seiner Schreibwerkstatt und Leseförderung sticht das Müllerhaus vor allem durch sein spezielles Programm für junge Menschen heraus. Im Jungen Müllerhaus werden die Talente nicht nur im Poetry Slam geweckt und verfeinert. Ein junges Team gestaltet das Kulturprogramm selbst.
Und die Leselampe? Sie brennt jeweils zehn Minuten und steht nebst Tisch für AutorInnen bereit, die sowohl eigene Texte als auch Publikum zu ihrer Lesung mitbringen. Nächster Termin der "Leselampe" ist am 19. September 2007.
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Mit einem Sommerquiz beginnt die Reisezeit. Lassen Sie sich im Juli-Newsletter überraschen. Bis dahin wünsche ich Ihnen beschwingte Wochen.
Herzliche Grüße
Ihre
Michaela Didyk
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