Newsletter Okober 08

Für Buchtipps geeignet: Dichter der Moderne - fast schon Klassiker

Liebe Leserinnen und Leser,

die erste Schreibnacht online hing tags darauf noch etwas in den Knochen, doch der poetische Ausflug ins 'Nebelland' hat zu höchst abwechslungsreichen Gedichten inspiriert. Das trägt die Begeisterung für ein neues Experiment weiter. Am 27. 11., dem letzten Donnerstag im November, gibt es daher eine online-Sternennacht. Harald Hartungs Gedichtzeile "Sterne sagt sie Sterne sind so wichtig" liefert das Motto, um dem beliebten Bildmotiv neue Seiten abzugewinnen. Details zu den Schreibnächten erfahren Sie hier.
Im November findet auch der letzte Teilkurs der Lektoratsreihe "Verse mit Schliff" statt. Dieses Mal geht es um den Schritt der Veröffentlichung. Lesen Sie mehr im Folgenden.
Schließlich können Sie auch eine neue Rezension aufrufen. Als erster Buchtipp für Ihre vorweihnachtliche Geschenkliste lässt sich dann vielleicht der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan notieren.

Viel Spaß beim heutigen Newsletter, der zudem mit drei zeitgenössischen - nahezu "klassischen" - Lyriker/inne/n aufwartet.

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1. Lyrik im Elfenbeinturm oder der harte Weg der Veröffentlichung
2. Erich Fried: Ein politischer Dichter, der über die Liebe schrieb
3. Christoph Meckels Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz
4. Ein runder Geburtstag: Peter Härtling wird 75 Jahre

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1. Lyrik im Elfenbeinturm oder der harte Weg der Veröffentlichung

Die Regale mit Lyrik, wenn es sie überhaupt in einer Buchhandlung gibt, sind schmal. Noch immer gilt die Lyrik auf dem Buchmarkt als Stiefkind. Denn einen Gedichtband herauszugeben, rechnet sich für einen Verlag zu wenig. Seriöse Literaturagenten, die Gedichte an renommierte Verlage bringen, sucht man vergebens. Was macht also ein Dichter, eine Dichterin, die endlich ihre Texte zwischen zwei Buchdeckeln veröffentlicht sehen will - und zwar ohne dass das eigene Portemonnaie strapaziert wird.
Der erste Schritt ist die professionelle Zusammenstellung eines Manuskriptes, die Recherche passender Verlage, die Einsendung der Unterlagen, die Fähigkeit, zäh durchzuhalten und Frustration in Motivation zu verwandeln. Der zweite Schritt ist das Sichten effektiver Nebenwege oder Zwischenstufen, die vielleicht - zusammen mit der großen Portion Glück, die es braucht - dem Aufbau des eigenen Namens dienen und doch irgendwann etablierte Verlagstüren öffnen.
Der letzte Kursteil der online-Lektoratsreihe "Verse mit Schliff" vermittelt zum einen das Handwerk, sich mit seinen Gedichten bei Verlagen professionell zu präsentieren, zum anderen hilft er, eine individuelle Strategie zu erarbeiten, mit der die Hürden auf dem Weg in die Öffentlichkeit leichter genommen werden. In zwei intensiven Tagen schaffen Sie sich eine Basis, Ihren Wunsch nach einer Veröffentlichung Schritt für Schritt anzugehen.

Weitere Informationen lesen Sie hier

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2. Erich Fried: Ein politischer Dichter, der über die Liebe schrieb

Am 22. November jährt sich der 20. Todestag von Erich Fried. Der 1921 in Wien geborene Dichter, der seit seiner Flucht vor den Nationalsozialisten in London lebte, starb 1988 nach langwierigem Krebsleiden in Baden-Baden, wo er während Fernsehaufnahmen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Frieds Grab befindet sich auf dem Londoner Kensal Green.
Nach der Verhaftung der Eltern, dem Tod des Vaters infolge eines Gestapo-Verhörs, schließlich der Kündigung der Wohnung in Wien floh der damals 17-jährige Fried 1938 nach England. In London gründete er die Selbsthilfegruppe "Emigrantenjugend", trat Flüchtlingsverbänden bei und half zahlreichen Menschen, den Nationalsozialisten zu entkommen.
In Exilzeitschriften veröffentlichte Fried 1940 erste Gedichte, 1941 wurde in London sein Einakter "Ring-Rund" aufgeführt, 1944 erschien sein Gedichtband "Deutschland". Neben den zahlreichen eigenen Gedichten, Romanen und Theaterstücken arbeitete der Autor zudem als Übersetzer und schuf Nachdichtungen zu Texten von Dylan Thomas, T. S. Eliot und vor allem Shakespeare.
Vietnam, der Sechs-Tage-Krieg, das Attentat auf Rudi Dutschke oder die Demonstration gegen die Notstandsgesetze - Erich Fried, mit Preisen bedacht und angesehen, bezog vehement politische Stellung. Sein Telegramm, das beim Begräbnis Ulrike Meinhofs verlesen wurde, löste genauso wie sein Gedicht "Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback" heftige Gegenreaktionen aus. Immer wieder gab es Vorstöße, Frieds Texte für den Schulunterricht zu verbieten und aus den Lesebüchern zu streichen.
Verfolgt man Erich Frieds Lebensgeschichte, zeichnet sich ein dichter Weg mit ungezählten Veröffentlichungen, Vorträgen, Ehrungen, Lesungen und vor allem Diskussionen ab. Fried besuchte Auschwitz, wo seine Großmutter umgekommen war, nahm zur englischen Staatsbürgerschaft 1982 auch wieder die ursprünglich österreichische an. Er zog sich auf keine Leidensposition zurück, sondern provozierte und kämpfte für (Meinungs)Freiheit und Frieden, reflektierte die Möglichkeiten der Literatur hierfür. In seiner klaren und verknappten Sprache rüttelte er mit den gesellschaftskritischen Texten - gerade neu erschienen: Politische Gedichte. Vietnam, Israel, Deutschland - seine Leser oft irritierend wach.
Mit seinen Liebesgedichten, die der dreimal verheiratete Autor 1979 veröffentlichte, schuf er sich dagegen fast eine "Fan-Gemeinde". Ob Buch oder Audio - einen guten Einblick erhalten Sie mit seiner Sammlung von Liebes-, Angst- und Zorngedichten Es ist was es ist, - im gleichnamigen Hörbuch von ihm selbst vorgetragen.
"Wohin?" betitelte Fried eines seiner Gedichte, das im Resümee auch auf sein Leben zu passen scheint: "Also zum Tod?/ Aber ohne die Auflehnung/ ohne das Mitleid/ ohne die Liebe/ was wäre das Leben?" [Erich Fried: Gedichte, S. 18]
Für eine weitere Beschäftigung mit Erich Fried bieten sich die offizielle Fried-Seite beim Wagenbach-Verlag, die der Internationalen Erich Fried Gesellschaft für Literatur und Sprache sowie die Fried-Projektseite von Inga Janzen an.

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3. Christoph Meckels Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz

"Wohl denen die gelebt" nennt Christoph Meckel seinen Erinnerungsband an die große Dichterin, die er Anfang der 60er Jahre kennenlernte. Doppelt so alt wie Meckel, der damals als hoffnungsvoller Dichter und Künstler durch die Welt trampte, formierte sich ein ungleiches Paar, das sich über Jahre hinweg zu Gesprächen traf und in gegenseitiger Wertschätzung über Texte, Sprache und Dichtung austauschte.
Die geborene Freifrau von Holzing-Berstett und der "junge Wilde" hatten gemeinsame Bezugspunkte - die politisch linke Ausrichtung sowie die enge Bindung an die südbadische Landschaft. Meckel, der in der Nähe Freiburgs aufgewachsen war, kannte das Schloss, den Familiensitz in Bollschweil, wohin sich die Dichterin nach dem Tod ihres Mannes, des Kunsthistorikers Guido Kaschnitz von Weinberg (1958), immer wieder zurückzog. Als Meckel eines Tages vorbeikam, nahm er - unangemeldet - die Gelegenheit zu einem ersten Besuch wahr. Immerhin hatte ihm Marie Luise Kaschnitz nach der Lektüre einiger seiner Gedichte geschrieben.
Mit diesem "Sommertag im Schlosspark" begann der kollegiale Austausch: "Während ich mit ihr sprach und sie mit mir, stellte ich fest, dass ich mich in einem Gespräch befand, das wirklich eines war, ohne anberaumt, beabsichtigt, unternommen worden zu sein. Zur Kunst ihres Gesprächs gehörte, dass sie Fragen stellte, aufmerksam zuhörte und gern vorgelesen bekam, am liebsten Gedichte und Prosa, die sie nicht kannte. Es gefiel ihr, wenn eine Prosa Handlung enthielt, Gestalten erkennbar machte, sie sprach dann davon wie aus eigenem Erinnern."
Christoph Meckel zeichnet das Bild der späten Dichterin. Sein Erinnerungsband Wohl denen die gelebt mit eigenen Grafiken sucht keine Idealisierung der Kaschnitz, sondern verdichtet in einzelnen Erzählbildern Ausschnitte, Bruchstücke einer Begegnung.
Im Büchermarkt des Deutschlandfunks finden Sie eine weiterführende Besprechung zu Meckels Buch.
Einen anschaulichen Überblick über das Leben und Werk Marie Luise Kaschnitz' (inklusive Hörgenuss) erhalten Sie auf der Jubiläumsseite, die die Stadt Frankfurt am Main 2001 der Dichterin zum 100. Geburtstag widmete.
Die Gedichtanthologie die Elisabeth Borchers, die langjährige Lektorin Marie Luise Kaschnitz', zusammenstellte, umfasst eine gute Auswahl aus den unterschiedlichen Schaffensperioden der großen Dichterin.

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4. Ein runder Geburtstag: Peter Härtling wird 75 Jahre

Journalist, Herausgeber und Cheflektor zum einen, Autor zum anderen, kennt Peter Härtling den Literaturbetrieb von beiden Seiten. Am 13. November 1933 in Chemnitz geboren, floh Härtling mit seinen Eltern kurz vor Ende des Krieges zwar nach Niederösterreich. Doch der Vater starb 1945 in russischer Kriegsgefangenschaft, die Mutter beging daraufhin Selbstmord. Mit 13 Jahren Vollwaise, schrieb und veröffentlichte Härtling, nach Deutschland zurückgekehrt, bereits als Schüler seinen ersten Gedichtband, mit 19 Jahren begann er seine Laufbahn als Zeitungsvolontär und rückte rasch zum Feuilletonchef auf. In den Jahren 1967-1973 leitete er den Frankfurter S. Fischer Verlag und lebt nun als freier Schriftsteller, Poetikvorlesungen an den unterschiedlichen Universitäten mit eingeschlossen. Weitere biografische Details lesen Sie hier.
Hölderlin, Schubert, Schumanns Schatten - immer wieder rückten Künstlerbiografien ins Schreibinteresse Härtlings. 1990 stand mit "Herzwand" die eigene Person im Brennpunkt. Auch für Kinder und Jugendliche entstanden Romane. "Oma", "Ben liebt Anna" und Sophie macht Geschichten wurden in Deutschland wie in der Schweiz mit Jugendbuchpreisen ausgezeichnet. Biografien verfasste und liest Peter Härtling (auf CD) ebenfalls für die junge Generation, so zum Beispiel die Lebensgeschichte Mozarts oder Schillers. Seine neueste Erzählung O'Bär an Enkel Samuel zeigt in gleicher Weise, dass der Kontakt zwischen den Generationen Härtling wichtig ist.
Die Lyrik kommt bei alledem nicht zu kurz. Auch in dieser Gattung stellt Peter Härtling neue Werke vor: Meine 75 Gedichte und zehn neue und Sätze von Liebe heißen seine beiden aktuellen Lyrikbände.
Am 11. November feiert das Literaturhaus Stuttgart den Jubilar mit Gespräch und Lesung sowie einem Filmporträt von Ute Heer.
Das SWR-Fernsehen wiederholt diesen Film am 13. November um 23 Uhr, in dem Peter Härtling seine Lebensgeschichte aufrollt und mit reichlichem Archivmaterial belegt.

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Mit dem Stichwort "Erinnerung" kündigt sich der nächste Newsletter für Ende November an. Bis dahin grüßt Sie herzlich
Ihre
Michaela Didyk

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