Rezensionen
Geistersehen
Marion Poschmanns neue Gedichte
Von Günter Ott
Ferngerückt scheint alles Sichtbare. Auf dem überbelichteten Film stehen lichtempfindliche Wälder. Der Schnee reißt alles ins Weiß. Das Wasser gleicht einem Jungbrunnen, weckt Erinnerungen an das Kind in der Wanne, an die Mutterhände...
Marion Poschmanns neue Gedichte „Geistersehen“ sprechen der Zielstrebigkeit, „auf die wir trainiert sind“, Hohn. Sie sind, um es im Paradox der 1969 in Essen geborenen, in Berlin lebenden Schriftstellerin („Grund zu Schafen“, „Hundenovelle“) zu sagen, „übergenau bis zum Punkt einer neuen Unschärfe“. Die Zwischentitel („Textbilder“, „Störbilder“ usw.) nehmen dem Leser den sicheren Stand. Beim Gang über die Prager Karlsbrücke kippen die Körper „aufs Wasser", mutieren zu "verzitterten Bildern“, in denen Perspektive und Anatomie sich verwirren.
Poschmann begibt sich gern an die (Natur-)Ränder, öffnet von dort aus neue Sehlinien, hüllt die Welt in „Seifenblasenräume“, in zarte Spiegelungen und Verkehrungen, die Maß nehmen am Austausch von Innen und Außen, von Alltag und Abgrund. Die Bewegung des Gedichts führt vom Küchengeschirr in die Prähistorie, von den eigenen Wänden in die Wildnis, vom Blau der Zichorienkaffee-Packung ins visionäre Sehnen der Romantik. Die Gedichte machen „nebelbeinig“, lösen in den Zonen von „Schleier, Einbildung, Flüchtigkeit“ die Konturen.
Hölderlin als Echo
Meist sind es reimlose Vierzeiler, nicht selten streng gefügte Sonette, mit einer aus der Natur schöpfenden Sinnlichkeit, welche die selbstbewusste Nähe zum Abstrakten sucht. Im Gedicht „Drüsiges Springkraut“ springt nicht nur der ü-Laut durch die Zeilen. Es nimmt als Echo auch Hölderlins „heilignüchterne Wasser“ auf. Das „Ich“ spricht zunächst eher aus der Distanz, doch die Beobachterin wandelt sich zur Seherin, Eindrücke laufen über zur Imagination, zum „Blühbemühen“. Diesen Blicken und Bildern Marion Poschmanns vertraut man sich mit Lust und intellektuellem Vergnügen an.
Marion Poschmann: Geistersehen. Gedichte; Suhrkamp, 126 Seiten, 17,80 Euro
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 26. Mai 2010]
Der kalte Schmuck des Lebens
Dokumentation Literaturhaus München widmet Nobelpreisträgerin Herta Müller eine Schau
Von Michaela Didyk
Genau 914 Blätter hängen an Drahtseilen im Münchner Literaturhaus. Es sind die Kopien der Securitate-Akte über Herta Müller, die sich als „Leidfaden“ durch die erste Schau über die Nobelpreisträgerin 2009 ziehen. Zunächst waren die Dokumente, im März 1983 unter dem Decknamen „Cristina“ angelegt, unauffindbar. Doch 2009 ermittelte eine Forschergruppe die drei Bände mit Denunziationen, Beobachtungsnotizen und Maßnahmen gegen die Autorin.
Die Akte ist gesäubert: So fehlen die fast täglichen Besuche des befreundeten Dichters und Fotografen Roland Kirsch, dessen Tod – man hatte ihn 1989 erhängt aufgefunden – ungeklärt ist. Auch der heutige Geheimdienst, in den rund 40 Prozent des alten Personals übernommen seien, so die Nobelpreisträgerin beim Pressegespräch, wolle die eigenen Machenschaften verbergen.
Die Aufarbeitung der Vergangenheit – die Ceausescu-Diktatur genauso wie Rumäniens frühere Rolle unter dem faschistischen Marschall Antonescu an der Seite Hitlers – ste he noch völlig aus. Ernest Wichner, der langjährige Weggefährte Herta Müllers, und Lutz Dittrich haben die Münchner Ausstellung konzipiert, die im Anschluss nach Berlin und Stuttgart geht.
An die 400 Exponate, zum größten Teil bisher unveröffentlichte Dokumente und Bilder aus dem Familienbesitz der rumäniendeutschen Schriftstellerin, dazu Filme, Zeitungsausschnitte, Originalmanuskripte erzählen von der Kindheit im schwäbischen Banat, von den Studienjahren in Temeswar. Der Titel „Der kalte Schmuck des Lebens“ bezieht sich auf Müllers Gedichtcollagen.
Drohungen der Securitate, Attacken der Vertriebenen
Erste Veröffentlichungen, der Kontakt mit der „Aktionsgruppe Banat“ und die Freundschaft mit deren Autoren (u. a. Rolf Bossert, William Totok, Richard Wagner, Ernest Wichner) geben über die literarischen Anfänge Auskunft. Ihre Arbeit als Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik verliert Herta Müller, als sie die Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst verweigert. Die Schikanen durch die Securitate beginnen, die Wohnung wird abgehört, Verleumdungen setzen ein. Als Herta Müller mit ihrem Erstling „Niederungen“ Deutschland zu Lesungen besucht, wird sie vom Bund der Vertriebenen attackiert.
Sie diskriminiere das Verhalten der Volksdeutschen in Rumänien gegen Ende des Krieges, heißt es in einem Brief des Generalsekretärs vom 11. April 1985. Drohbriefe, teils von der Securitate gesteuert, folgen: „Ihre Bücher müsste man verbrennen und Sie in ein Gefängnis werfen.“ 1987 reist Herta Müller in den Westen aus.
2001 startet die Autorin ihre Recherchen über die tabuisierten Deportationen der Rumäniendeutschen. Ihre Mutter war 1945 in ein Arbeitslager verschleppt worden, ebenso der 2006 verstorbene Dichter Oskar Pastior. Mit ihm erarbeitet Herta Müller das Thema und besucht die verrotteten Lager in der Ukraine. Ihr Arbeitsbuch zu „Atemschaukel“, voller Notizen und Zeichnungen, bezeugt die intensive Zusammenarbeit.
„Der Bogen von einem Kind, das Kühe hütet im Tal, bis hierher ins Stadthaus von Stockholm ist bizarr“, resümierte Herta Müller ihren Werdegang bei der Nobelpreisverleihung. Die Ausstellung in München zeigt, wie gefährlich der Bogen für Leben und Schreiben dieser mutigen Autorin war.
Noch kein neues Buch
Arbeitet Herta Müller an einem neuen Projekt? Nein, sagt die Autorin in München, es lägen immer zwei bis drei Jahre zwischen ihren Buchveröffentlichungen. Eine alternative Beschäftigung in dieser Zeit sind für sie die Collagen, vor allem aus ausgeschnittenen Buchstaben und Wörtern, die sie seit Ende der 80er Jahre macht. Viele Beispiele sind im Literaturhaus zu sehen.
Laufzeit im Literaturhaus München bis 20. Juni 2010. Weitere Stationen in den Literaturhäusern Berlin und Stuttgart
Das informative Heft zur Ausstellung, 51 Seiten mit zahlreichen Fotos und dem Text „Das kalte Lied“ als Erstveröffentlichung in Deutschland, kostet sechs Euro. Auf dem Audioguide führt Herta Müller selbst durch die Ausstellung.
Collagen Herta Müllers sind auch in Buchform erhältlich: Die blassen Herren mit den Mokkatassen
[Erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 27. April 2010]
Folch, folchgt, volgt – Volk
Wie unsere Sprache zu dem wurde, was sie heute ist
Von Günter Ott
Die deutsche Sprache war eine schwere Geburt. Und sie hatte eine mühsame Kindheit. Jahrhundertelang entbehrte sie der Einheit, einer schriftlich fixierten und normierten Hochsprache. Erreicht wurde dieses Ziel spät – um 1800. Verblüffend, dass die Standardsprache aus einem Flickenteppich von Dialekten hervorging, ohne dass sich einer dieser Dialekte auf Dauer durchsetzen und zur Grundlage von Hochdeutsch entwickeln konnte. Anders gesagt: Unsere Hochsprache ist ein „außerordentlich künstliches Produkt“, gewirkt u.a. aus Luther, kaiserlicher Kanzlei und Preußentum, im Übrigen befördert durch die fortschreitende Schulbildung, aber auch durch Zeitung und Trivialroman.
Wort für Wort dem Lateinischen abgerungen
Das ruft Karl-Heinz Göttert, emeritierter Germanistik-Professor der Universität Köln, in seiner – nicht zuletzt für Nichtgermanisten geeigneten – Biografie der deutschen Sprache in Erinnerung. Der Begriff „Biografie“ ist seiner biologischen Anklänge wegen (Geburt, Blütezeit, Tod) nicht glücklich gewählt. Zutreffend bleibt indes das von Göttert lebendig, ja spannend gezeichnete Bild einer höchst komplizierten Sprachgeburt (auch wenn der Autor gelegentlich zu salopp formuliert; und die Bombardierung Dresdens im Jahr 1945 um einen Monat nachdatiert).
Deutsch wurde Wort für Wort (durch Glossierung = Wörterbucharbeit) dem Lateinischen abgerungen. Eine Initialzündung gab Kaiser Karl der Große in seiner Verfügung, das religiöse Wissen solle dem Volk in der Muttersprache nahegebracht werden. So machten sich um 800 die Mönche in den bedeutendsten Klöstern ans Werk, dem übermächtigen Lateinischen deutsche Sprachbrocken abzuringen. Walahfrid Strabo, Abt im Kloster Reichenau, hat zum Beispiel Körperteile auf Deutsch wiedergegeben: Das Auge (lateinisch pupilla) wird bei ihm zu seha, die Nase (nares) zu nasa, der Mund (os) zu mund und die Zähne (dentes) zu zeni.
Als die höfische Welt aus Frankreich eindrang
Das Deutsche lernte also sprechen beim Übersetzen – vor allem durch die Übertragung der Bibel, später, zu Zeiten des Rittertums im 12. Jahrhundert, auch durch literarische Gattungen wie die Minnelyrik und den Artusroman. Das Vorbild lieferte die ritterlich-höfische Welt in Frankreich. Mit ihr ging der Transfer französischer Vokabeln einher. Aber dank Walther von der Vogelweide, dank Hartmann von Aue und Gottfried von Straßburg legte zugleich die deutsche Sprache an Eleganz und Ausdruck zu.
Das Französische brach noch einmal wie eine Woge über Deutsch herein, im 17. Jahrhundert. Die gebildeten Kreise parlierten, während Sprachgesellschaften Dämme der Abwehr hochzogen. Dem Reinheitsgebot der deutschen Sprache war zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch ein so verdienstvoller Wörterbuch-Herausgeber wie Joachim Heinrich Campe verpflichtet: Für das Wort Katholik schlug er „Zwangsgläubiger“, für Soldat „Menschenschlachter“ vor!
Karl-Heinz Göttert bettet seine sich über rund 1200 Jahre erstreckende Deutschgeschichte geschickt in die Literatur- und Sozialgeschichte. Es geht also nicht nur um Lautverschiebung und Buchstaben-Entrümpelung – unabdingbar, bedenkt man, dass für das Wort „Volk“ einst Schreibungen wie folch, folchgt, folchk, folcht, folckh und volgt kursierten. Es geht auch um Sprache und das politisch zersplitterte Deutschland, um Religion und Krieg.
Luthers Bibelübersetzung, 1522 als Druck in Wittenberg erschienen, gleicht nicht nur einem Fels der Literatur-, sondern auch der Sprachgeschichte. Als weitere Sprachgipfel erheben sich die Mystik und das Rechtswesen, die Klassik und der Expressionismus mit seinen revolutionären Neuerungen. Der Ausblick Karl-Heinz Götterts fällt ermutigend aus: Deutsch ist – neben der Lingua franca Englisch – „für die Zumutung der Mehrsprachigkeit im eigenen Lande durchaus gerüstet“. Diese Zuversicht muss man nicht teilen, schon gar nicht, wenn man die gegenwärtige Schrumpfbedeutung von Deutsch als Wissenschaftssprache im Auge hat.
Das Wort „deutsch"
Zuerst wurde das Wort „deutsch“ in einer lateinischen Übersetzung als theodiscus wiedergegeben; das heißt „zum eigenen Volk gehörig“. Der erste Beleg stammt aus dem Jahr 786. Das erste volkssprachliche Auftreten ist um 1000 bezeugt: als diutisch bzw. diustisk (zu diot, thiot = Stamm, Volk). Daraus entwickelte sich im Mittelhochdeutschen diutsch bzw. tiutsch. Noch bis ins 19. Jahrhundert ist das Wort „teutsch“ nachweisbar.
Als erstes Buch in deutscher Sprache gilt der Abrogans, ein Wörterbuch. Neben dem ersten lateinischen Wort abrogans ist eingetragen „dheomodi“ – das erste schriftlich erhaltene Wort deutscher Sprache, gleichbedeutend mit „demütig“.
Karl-Heinz Göttert: Deutsch. Biografie einer Sprache; Ullstein Verlag, 400 Seiten (mit Literaturverzeichnis, Personen- und Sachregister), 19,95 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 9. April 2010]
Die Wisperschar der Wörter
Zum Tag der Poesie: Gertrud Kolmar, Jandl, Michael Lentz, Chiellino und Kathrin Schmidt
Von Günter Ott
Es gibt Tage, die sind noch jung an Jahren. Zu ihnen zählt der Welttag der Poesie am 21. März. Ihn hat die Unesco erstmals 2000 ausgerufen. Das Schöne ist, dass er mit dem Frühlingsanfang zusammenfällt. Noch schöner ist, dass „der Erdenkräfte flüsterndes Gedränge“ (Mörike) heuer nicht nur aus dem Kalender zu ersehen ist. Man schaut und fühlt es, er ist’s: „Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte...“, um noch einmal Mörike anzuführen.
Welttag der Poesie – das hat globalen Klang und ist in Wirklichkeit doch nur ein verschämtes Etikett. „Die Poesie ist das schlechte Gewissen der Literatur... Da ist der kultivierte, weltläufige Verleger, der in seinem Rennstall sich pflichtschuldigst immer ein bis zwei Lyriker hält, die ein Lektor im Stillen striegelt. Manchmal lässt man sie dann heraus und führt diese stolzen Tiere einem Publikum von Kennern vor... Für solche Zwecke hat man mittlerweile den Welttag der Poesie eingeführt.“
Es begann mit einer Taube
Man sieht, Lyriker sind illusionslose Zeitgenossen. Zitiert ist hier Durs Grünbein aus seiner Frankfurter Poetikvorlesung 2009. Suhrkamp hat sie dankenswerterweise gedruckt. Grünbein schildert, wie er zum Dichten gekommen ist – durch eine „akustische Irritation“, eine plötzlich in freier Natur aufschießende Taube. Sie wurde alsbald zu einem grenzenüberwindenden Flucht- und Sehnsuchtssymbol.
Poesie, Frühling, Liebe – diese Trias wird alljährlich vom Buchhandel aufgelegt. Der Insel Verlag hat eine schöne Reihe „Liebesgedichte“ gestartet mit Modigliani-Medaillons auf dem Cover. Erste Autoren: Gertrud Kolmar und Ernst Jandl. Eine Zeile in dem Gedicht „Die Jüdin“ steht wie ein Brandmal über ihrer Existenz: „Ich bin fremd.“ Gertrud Kolmar, die ihr Begehren, ihre Traumata meist noch an Reim und Vierzeiler bindet, kam 1943 in Auschwitz ums Leben. Es war das tragische Leben einer Ausgegrenzten. Sie selber spricht von sich als der „Unerschlossenen“!
Ernst Jandl (1925–2000) lebte über 40 Jahre mit Friederike Mayröcker zusammen. Er setzt mit der ihm eigenen Virtuosität die „vielen buchstaben, die nicht aus ihren wörtern können“, frei, bis hin zum Laut- und Bildgedicht. Er baut eine Pyramide aus dem Wort „frau“, in deren Zentrum die Silbenfolge „aua“ steht. Keine Sprache, keine Liebe ohne schwarzgallige Verfinsterung. Dann wieder erklingen betörende Liedverse wie „gar traurig geht das hundelvieh/auf einer zeh und einem knie“. Oder in einem Satz sammelt sich das Glück: „deine arme halten mehr als ich bin“.
Kissen, küssen, vermissen
100 Liebesgedichte hat Michael Lentz, Jahrgang 1964, vorgelegt. Sie klingen cool, beiläufig, stehen dem „blütenrausch“ so fern wie der „gehobenen stunde“. Die Wortketten schnurren: kissen, küssen, vermissen; ort, wort, immerfort. Das hat Schmiss, mutet aber, trotz mancher schönen Zeile, auf Dauer flach und öde an. Warum? Es fehlt die Empfindung.
Gino Chiellino, 1946 im kalabrischen Carlopoli geboren, seit Langem in Augsburg lebend, (an der Uni) lehrend und dichtend, kreist einmal mehr um existenzielle Themen wie Reise, Ankunft, Fremde. Spannungen, Ambivalenzen bestimmen die konzentrierten Verse – Gegensätze von Licht und Schatten, Ring und Bruch, Ginster und Kiefer. Hier steht einer auf der Grenze, zweifelnd, nach dem „versöhnten Wir“ strebend, die Kindheits- und Jugendtage mit ihrem erfüllten Blau in die Gegenwart verwebend.
Buchpreisträgerin 2009
Ein Höhepunkt zum Schluss: Kathrin Schmidts „Blinde Bienen“. Die Gedichte der Deutschen Buchpreisträgerin 2009 bergen die Fieberkurve der Liebe mit ihren Sehnsüchten, Verstrickungen und gekappten Flügeln. Hier spannen sich fantastische Sprach- und Erlebnisräume aus der „wisperschar“ der Wörter auf, märchenhaft, messerscharf, vertrackt und wortverdreht.
- Durs Grünbein: Vom Stellenwert der Worte: Frankfurter Poetikvorlesung 2009
; Suhrkamp,
59 S., 7 Euro. - Gertrud Kolmar: Liebesgedichte
(Auswahl aus dem Gesamtwerk); Nachwort von Thomas Sparr; Insel Verlag, 107 Seiten, 6 Euro.
- Ernst Jandl: Liebesgedichte
(aus dem Gesamtwerk); Nachwort von Klaus Siblewski; Insel, 148 S., 6 Euro.
- Michael Lentz: Offene Unruh. 100 Liebesgedichte
; S. Fischer, 175 Seiten, 16,95 Euro.
- Gino Chiellino: Landschaft aus Menschen und Tagen
; Hanser Verlag, 75 Seiten (mit Nachwort des Autors), 14,90 Euro.
- Kathrin Schmidt: Blinde Bienen
; Kiepenheuer & Witsch, 90 Seiten, 16,95 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 20. März 2010]
Alles wird Klang
Ulrich Greiner: Kluger Lyrikverführer
Von Günter Ott
Ulrich Greiner, Zeit-Kulturkorrespondent und Herausgeber derZeit-Literatur, ist dabei, sich einen Namen als Verführer zu machen. 2005 animierte er zur Lektüre belletristischer Romane. Nun lässt er seinen – ebenso klugen – „Lyrikverführer“ folgen. Schade, dass der griechische Philosoph Platon diese „Gebrauchsanweisung zum Lesen von Gedichten“ nicht mehr in die Hand nehmen kann, vielleicht hätte er dann seinen Satz „Die Dichter lügen“ noch einmal bedacht.
Lyrik ist „die schönste und reinste, allerdings auch die schwierigste Form literarischen Schreibens“. Davon ist Greiner überzeugt. Und nach der Lektüre seines klar gegliederten wie klar geschriebenen, geläufige Gedichtperlen wie kaum bekannte Verse versammelnden Leitfadens stehen wohl viele Leser auf seiner Seite.
Teil eins fragt: „Was ist ein Gedicht?“ Der Autor geht systematisch vor: Das Gedicht als Erzählung (etwa in der „Odyssee“, aber auch in den Balladen); das Gedicht als Lied, als Gefühl, als Idee, als Form, als Rätsel, als Spiel. Viele Beispiele (aus der europäischen und amerikanischen Literaturgeschichte) stehen für die Kapitel ein. Greiner deckt behutsam und jederzeit einleuchtend Deutungsansätze auf, legt Wert auf Reim und Rhythmus. Im Gedicht begegnen sich Musik und Sprache, „bis hin zu dem Moment, da die Sprache ihren definitorischen und damit auch herrschsüchtigen Zugriff aufgibt und nur mehr Klanggebilde ist“.
Dichter halten die Welt jung, weil sie mit der Sprache spielen (auch mit Klischees) und ihr immer neue Nuancen abhorchen. Eine der sprach- und denkmächtigsten Epochen war im Übrigen die (Irrealitäten beschwörende) Romantik, die bis heute vielen als Magd der Gefühlskultur dient.
In einem zweiten Teil versammelt Greiner elf seiner so kurzen wie schlüssigen Gedichtinterpretationen für die „Frankfurter Anthologie“. Der Anhang ist der Verslehre in Stichworten gewidmet, führt Gedichtsammlungen auf und schließt mit einem Register. Ein ergiebiger Leitfaden, in dem man kanonischen Versen ebenso begegnet wie Autoren unserer Zeit.
Ulrich Greiners Lyrikverführer. Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen von Gedichten, C.H.Beck, 217 Seiten, 14,90 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung (Bücherjournal) vom 10. Oktober 2009]
Eine Frau in der Sonne
Frode Gryttens poetische Liebesgeschichten zu Bildern Edward Hoppers
Von Roswitha Hofmann
Vita
Frode Grytten ist 1960 geboren.
Er arbeitete viele Jahre als Journalist und lebt heute als Schriftsteller im norwegischen Bergen.
1999 wird sein erster Roman veröffentlicht "Was im Leben zählt"; der wird hochgelobt, in ein Dutzend Sprachen übersetzt. Grytten bekommt den höchst dotierten Literaturpreis in Norwegen, (interessant ist, dass der Roman aus 25 locker verbundenen Erzählungen besteht)
2001 veröffentlicht der Autor eine Novellensammlung, in der jedes Stück einem klassischen Popsong zugeordnet ist
2009 in seinem neuen Prosaband schreibt Frode Grütten zehn Geschichten zu zehn Bildern von Edward Hopper.
Inhalt und Besprechung
Bilder von Edward Hopper also inspirieren Frode Grytten zu zehn kurzen Geschichten. Daraus entsteht ein schmales Buch, 200 Seiten, sehr schön aufgemacht. Alle zehn Bilder von Hopper finden Sie als kleine Reproduktionen jeweils am Anfang der einzelnen Geschichten. Die Titel der Bilder übernimmt der Autor als Überschrift für die betreffende Prosaminiatur.
Und ganz wie von den Hopper-Originalen geht auch vom kleinen Format diese große Faszination aus. Ein doppeltes Vergnügen also, kostbar illustrierte, feine Liebesgeschichten. Bilder und Geschichten passen zueinander.
Hoppers Bilder könnten auf den ersten Blick Fotografien sein, hart realistisch gemalt und unwirklich zugleich. Aber es bleibt niemals bei einem ersten Blick. Diese Bilder zwingen zu langem Schauen. Sie saugen den Betrachter hinein in den angehaltenen Augenblick. Sie lassen uns hineinschauen in Häuser Zimmer Züge Räume. Wir sind draußen und bekommen Einblick. Wie durch Fenster. Es entsteht etwas Gläsernes, Zerbrechliches. Hopper malt die Leere, das Licht und die Stille. Die Bilder wirken wie ein Sog. Rufen starke Gefühle auf, drücken Stimmung aus. Und doch bleibt viel Raum für eigenes Empfinden. Da ist nichts Überflüssiges, nichts lenkt ab, freie Assoziation kommt in Fluss. Es entsteht ein Bild hinter dem Bild. Ungezeigtes bleibt offen, wie Ungesagtes zwischen den Zeilen.
Die Bilder sind geheimnisvoll. Sie regen an zum Weiterdenken Rätseln Phantasieren Fragen. Das Theaterstück "Endstation Sehnsucht" fällt mir immer wieder ein. Es ist, als gelänge es Edward Hopper, all unser so individuelles Sehnen zusammen zu fassen in die Sehnsucht schlechthin und anschaulich zu machen.
Und der Autor trifft genau den Nerv dieser Bilder, übersetzt die Haltung der Menschen, den Ausdruck in ihren Gesichtern in Worte. Er entspinnt Geschichten, entwickelt Beziehungen. Löst ein Drehbuch heraus und macht Kurzfilme daraus. Er lässt die Bilder laufen aus dem Standbild heraus.
Wo Edward Hopper die Menschen einfriert, macht sie Frode Grytten lebendig, gibt ihnen Fleisch und Blut. Der Maler lässt Verborgenes, Geheimes in der Erstarrung – der Dichter löst die Zungen, demaskiert in der Bewegung. Seine Protagonisten sprechen, fühlen. Er erzählt von Schicksal, Begegnung, Lebensentwürfen – genau so reduziert wie die Bilder.
Alles wird berührt: Enttäuschung Bitterkeit Resignation Sehnsucht Einsamkeit Treue Trennung Liebe Zweifel, zärtliche Erinnerung, flüchtiges Glück. Grytten trifft immer den richtigen Ton. Er kleidet die Sprachlosigkeit einzelner Bilder in Worte und zeigt, dass auch die Sprache ein unsicherer Ort ist. Da sind transparente Dialoge, durchsichtige Momente, stumme Zwiesprache, hellsichtige Visionen. Rührende poetische Stellen, behutsam, versöhnlich, voll Vertrauen.
Sind die Bilder manchmal wie Sinnbilder für schmerzliche Distanz, so tragen uns die Worte hinein in Landschaften, machen die Wände durchlässig, versetzen uns in die Menschen, die unterwegs sind in ihren Leben in New York, in Irland oder Lissabon. Der Autor streut konkrete Orte in sein Erzählen. Und dann wieder hören wir Streitgesprächen zu, die in jedem beliebigen Zimmer geschehen können, überall auf der Welt.
Einige der Geschichten kommen sperrig und spröd daher und sprechen uns dennoch an, weil sie das Brüchige zwischen den Menschen zeigen; die wunden Punkte, wo wir schutzbedürftig sind, wo Feinfühligkeit gefragt ist. Risse im Hintergrund tauchen auf, das Eis wird dünn. Wir hören die feinen, gefährlichen Sprünge.
Einige der Bilder könnten Spiegelbilder sein. Und der Autor wirft einen Stein. Das schöne Bild zerfällt in einen Scherbenhaufen. Wir Leser könnten daraus wie aus Puzzleteilen ein neues Bild zusammensetzen, unsere eigene Version. Phantasieren und Träumen sind da keine Grenzen gesetzt. Alle diese Geschichten haben nämlich kein Ende, vielmehr ein offenes Ende zum weiterspinnen.
Beide, der Maler und der Dichter, verführen uns in ihre Welten.
Fotografie und Architektur sind wiederkehrende Motive. Menschen isoliert, zu zweit oder allein in Häusern, Zimmern, Räumen. Ich kenne keinen anderen Maler, der so meisterhaft darstellen kann, wie eine unüberwindliche Entfernung ist zwischen zwei Menschen, die umschlossen sind von einem Raum. Der Betrachter eines solch unsichtbaren Abstandes erlebt einen kostbaren Moment aus Erkenntnis und Staunen, der für immer eingeschlossen bleibt in der Erstarrung. Und so zieht der Maler das Fühlen seiner Gestalten weit hinaus in eine andere, entrückte Distanz, aus der der Dichter sie wieder heranholt in eine greifbare Nähe. Wenn auch nur kurzfristig, dann entlässt er sie wieder aus seinen Geschichten in unsere Köpfe und Herzen, wo sie weiterspuken.
Und es gibt ein Datum, das in jeder Geschichte vorkommt, der 27. August. Die Bedeutung dieses Datums bleibt verschlüsselt. Danach befragt, meint der Autor lächelnd: >Wir haben einen Rest Sommer in uns.< Frode Grytten mag es geheimnisvoll. Edward Hopper auch.
Licht spielt eine Rolle. Lichteinfall. Ist es die Morgensonne, das Abendlicht, oder gleißender Mittag – wir erfahren daraus Tageszeit und Jahreszeit, die sich der Autor nimmt für seine Geschichten. Auch Sternenlicht kommt vor und der Mond. Alle diese Lichtquellen, Gegenlicht, Streulicht beleuchten und begleiten die Phantasien des Autors. Bringen Ruhe und Klarheit in die Momentaufnahmen. Manche sind unterbelichtet und ein fahler Augenblick bleibt uns hängen im Gedächtnis. Auch lichtlose Stunden sind dabei.
Aber das warme und weiche Licht von den Bildern, das tiefer fällt, das Seelenräume erhellt, das scheint noch lange nach. Und das hübsche Buch passt nicht nur in den Urlaubskoffer, sondern auch auf ein Ehrenplätzchen in Ihrem Bücherregal.
Ich empfehle es.
Frode Grytten: Eine Frau in der Sonne. Liebesgeschichten zu Bildern von Edward Hopper, Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, 17,90 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin - Besprechung Roswitha Hofmanns bei "Beckers Lesezeichen", Buchhandlung Johanna Glas, 25. Juni 2009]
Danke, ich bin schon schmöll!
Sonderbares Lexikon. Ein lehrreich-amüsanter Kurs durch deutsche Sprach-Kuriositäten
Von Günter Ott
Manchmal fällt man in eine Grube, aus der man gar nicht mehr so schnell herauswill. Zu viele Entdeckungen nehmen einen gefangen, zu viele Kuriositäten garantieren einen lehrreich-amüsanten Aufenthalt.
Eine solche Fundgrube ist „Das sonderbare Lexikon der deutschen Sprache“. Als Verfasser zeichnet CUS. Unter diesem Pseudonym schreibt der Autor für renommierte Blätter und Zeitschriften. Zuletzt legte er das Buch „Der Coup, die Kuh, das Q“ vor.
Diesmal, in seinem Lexikon der besonderen Art, geht er systematischer an die Sprache heran, führt den Duden als Autorität im Hintergrund, schreitet alphabetisch voran von A wie Abrakadabra bis Z wie zusammengesetzte Wörter. Dem Autor kommt zugute, dass die Sprache sich in weiten Teilen der Logik ebenso verweigert, wie sie dem Regelwerk der jüngsten Rechtschreibkommission heftigen Widerstand entgegengesetzt hat (was eine reichlich verbeulte Reform zum Ergebnis hatte).
Man kann im CUS-Opus viel über Grammatik und Wortkunde lernen. Dies wird aber nie zum papiertrockenen Lehrgang, sondern ist ein spielerischer Kurs, der Sinn für Nuancen weckt, das Auge auf verblüffende Ausnahmen lenkt, in denen die Würze der Sprache liegt.
So fragt der Autor: „Die Feuerwehr bekämpft das Feuer - und wen bekämpft die Bundeswehr?“ In Itzehoe und Soest wird oe als langes o gesprochen, in Oboe und Buchloe aber wie o-e. Maulwurf klingt nach Maul, leitet sich aber vom mittelhochdeutschen molt (Erde) ab. Der Rosenmontag hat nichts mit Rosen zu tun, sondern kommt von rasen, heißt also der rasende Montag. In herrlich steckt der Herr, aber in dämlich nicht die Dame.
Es ist kein Ende der Beispiele, kein Wunder bei einem angenommenen Schatz von 300000 bis 500000 deutschen Wörtern. Pro Jahr kommen etwa 1000 neue dudenreife Wörter hinzu. Längst nicht alle werden alt, andere sind dabei, ihres hohen Alters wegen auszuscheiden - wie äugeln, Ehegespons, Hagestolz, knorke und Mürbigkeit.
Das Wort „Kreativität“, das heute wie eine Billigmünze im Mund geführt wird, kannte weder der Duden von 1930 noch der von 1968. 1966, schreibt CUS, wurde es als veraltet eingestuft, 1978 als bildungssprachlich. Erst seit 1980 bescheinigt der Duden ihm normalen Wortstatus - ein Lehrbeispiel des unwägbaren Sprachwandels.
Ob selbiger eines Tages die fehlende Mitte zu füllen vermag? Was liegt zwischen hungrig und satt? Was ist einer, wenn er weder dick noch dünn ist? Hungrig verhält sich zu satt wie durstig zu ... was? Zu dieser Frage wurden schon etliche Wettbewerbe ausgeschrieben, mit unbefriedigendem Ergebnis. Die Satire-Zeitschrift pardon schlug schmöll vor: Danke, ich bin schon schmöll! Die Dudenredaktion lancierte das Wort sitt (analog zu satt), doch es setzte sich so wenig durch wie schmöll (oder gestillt).
Was ist das häufigste deutsche Wort, der häufigste Buchstabe, der bekannteste deutsche Satz? Was sind geköpfte Wörter, was Nullwörter (vor allem der „Bereich“), was Phantomwörter wie zum Beispiel die Steinlaus, die Steine frisst, bis sie satt (aber noch nicht schmöll) ist? CUS, der nach eigener Aussage seit nunmehr 20 Jahren die gängigen Wörterbücher rauf- und runterstudiert, weiß Antwort.
Ihm fiel auch auf, dass die meisten Namen von Spirituosen maskulin sind, desgleichen alle Achttausender, vorausgesetzt, man sagt, wie üblich, der Annapurna und der Shisha Pangma. Einem Achttausender in der Horizontale gleicht das Rindfleischetikettierungsüberwachungs- aufgabenübertragungsgesetz, kurz RkReÜAÜ. Da halten wir uns doch besser an den sprachverliebten jungen Brecht, welcher der Sphinx seines Mondscheinnachtskahnfahrten- traumwahnsinns seinen Gruß entbot.
Einen Ausbund an Abschreckung stellt bekanntlich die Rechtssprache dar. CUS schlägt das Bürgerliche Gesetzbuch auf: „Tritt der Wille, in fremdem Namen zu handeln, nicht erkennbar hervor, so kommt der Mangel des Willens, im eigenen Namen zu handeln, nicht in Betracht.“ Alles klar?
CUS: Das sonderbare Lexikon der deutschen Sprache, Eichborn Verlag, 360 Seiten, mit Register und Literaturhinweisen, 16,95 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 2. Februar 2010]
Zündfunke bis in unsere Tage
250. Geburtstag - Die Lektüre Friedrich Schiller (1759–1805) ist nach wie vor ein Gewinn
Von Günter Ott
Feiern brauchen ein Datum. Am 10. November 1759 wurde Johann Christoph Friedrich Schiller in Marbach am Neckar geboren. Wer aber heißt uns, den Klassiker aus diesem Anlass zu rühmen – und am Ende jene unselige Tradition des 19. Jahrhunderts fortzuführen, da vor Schillerbüsten weihevolle Worte fielen und Gesangvereine auftraten?
Die Würdigungen kreisten oft genug um die „reine Menschlichkeit“, um das Humane, wiewohl Schiller und Goethe sehr sparsam mit diesen Begriffen umgingen. Das religiös überhöhte Humane wurde im Lauf der Zeit mit dem Nationalen, ja sogar mit dem Militärischen verkuppelt. So verfälschten die deutschen Nachkommen das Schillerbild.
Die "Glocke“ – Kein Gedicht wurde öfter parodiert
Schiller und die Parodie, das eröffnet ein weites Feld. Klassikern pinkelt man gern ans Denkmal. Das "Lied von der Glocke“ (1800) ist das meistparodierte deutsche Gedicht. Die 430 Zeilen sind eh längst in Zitate zersprungen: "Von der Stirne heiß/ Rinnen muß der Schweiß“, "Alles rennet, rettet, flüchtet“...
Die "Glocke“ im Titel mutierte zu allen möglichen Dingen, auch zu Kaffee, Wurst und Gerstensaft: "Das ist’s ja, was den Menschen schmücket,/ Zum Unterschied vom dummen Thier,/ Daß er, sobald der Tag entrücket,/ An nichts mehr denkt, als an sein Bier.“
Solche Verballhornung setzt immerhin eines voraus: die Lektüre des Originals. Nicht zum Feiern, sondern zum Lesen soll ein Datum wie der heutige 250. Geburtstag Schillers anhalten. Die Lektüre korrigiert nämlich manches lieb gewonnene, wenn auch verzerrte Bild – vor allem jenes, das die Weimarer Klassiker in zeitlose Sphären entrückt.
Geplagt von Geldsorgen und Lungenleiden
Erinnert sei hier an Schillers schweres Erdenschicksal. Am 3. Januar 1791, bei einem Konzert, bricht er zusammen, verliert das Bewusstsein. Das erste Mal wirft ihn jene schlimme Krankheit nieder, die man damals "kruppöse Pneumonie, begleitet von trockener Rippenfellentzündung“ nannte. Sie wird den Dichter immer wieder anfallen und 14 Jahre später, am 9. Mai 1805, sein Ende besiegeln. Diesem Leiden, überdies einem weithin von Geldsorgen bestimmtem Dasein wird Schiller sein gewaltiges Werk abringen. Zu Recht hat man ihn als "Athlet des Willens“ bezeichnet. Friedrich Schiller war ein ungestümer, zerrissener Geist, schwankend zwischen den "heitern Regionen“ und des "Jammers trübem Sturm", zwischen "Götterplänen" und "Mäusegeschäften". Der Dramatiker, der vor allem Tragiker war, weiß um die Skrupellosigkeit der Mächtigen, die Schuld der Schuldlosen, die niederen Instinkte der Moralapostel.
Schiller hätte der Entpolitisierung der deutschen Bildungselite Vorschub geleistet? Eine Legende. Der Klassiker war tief in seiner Zeit verwurzelt. Machtfragen, Tyrannen, Widerstand – solche urpolitischen Themen quer durch die Stücke von den "Räubern“ bis zum "Demetrius“-Fragment macht der 91-jährige Münchner Literaturwissenschaftler Walter Müller-Seidel in seiner gründlichen, soeben erschienenen Analyse "Friedrich Schiller und die Politik“ aus. Er konstatiert eine durch Schillers Napoleon-Abneigung bedingte, seit dem "Wallenstein" vollzogene Wendung hin zu Fragen der Selbstbestimmung und Nation, die ja nicht zuletzt im "Wilhelm Tell" eine explosive Spur legen.
Verwundert es da, dass Schiller auch beim Mauerfall vor 20 Jahren eine zündende Rolle spielte? "Was läuft das Volk zusammen, treibt es auseinander! Schafft das freche Volk mir aus den Augen. Den kecken Geist der Freiheit will ich beugen!“ "Tell“-Sätze wie Bomben, die im Wendeherbst 1989 bei der Aufführung in der Ostberliner Volksbühne Beifallsstürme auslösten. Als am Ende des Schweriner Gastspiels die Schauspieler auch noch Zündschnüre an die als "Baustelle“ ausgewiesene Zwingburg legten mit den Worten: "Reißt die Mauern ein!“, war kein Halten mehr im Saal.
Die Kluft zwischen idealer und realer Wirklichkeit hat nicht allein Schiller, sondern über viele Jahrzehnte die europäische Poesie beschäftigt. Schillers Gedicht "Das Ideal und das Leben" (1795) steht für diesen Dualismus. Man könnte ihn auch mit Spiel und Ernst umschreiben. Es war der Weimarer, der (vor Karl Marx) in seiner Abhandlung "Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ eine Diagnose der modernen Entfremdung vorlegte und die Verkümmerung des Individuums in der arbeitsteiligen Welt beklagte.
Dem Menschen als "Bruchstück“ stellt er den Homo ludens entgegen. Das Spiel, sprich die Begegnung mit Kunst und Schönheit, stiftet jene Versöhnung und garantiert jene Glückszustände, die sich Schiller (wie so viele andere deutsche Intellektuelle) von der Französischen Revolution erhofft hat. Doch deren Ideale versanken alsbald in Blut und Terror.
Literaturempfehlungen:
- Rüdiger Safranski: Friedrich Schiller: oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus
, dtv, 12,90 Euro
- Rüdiger Safranski: Goethe & Schiller. Geschichte einer Freundschaft
, Hanser Verlag, 21,50 Euro
- Walter Müller-Seidel: Friedrich Schiller und die Politik: Nicht das Große, nur das Menschliche geschehe
, Beck Verlag, 29,90 Euro
- Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen
, (Kommentar von Stefan Matuschek), Suhrkamp Verlag, 14 Euro
- Friedrich Dieckmann: "Freiheit ist nur in dem Reich der Träume": Schillers Jahrhundertwende
Insel Verlag, 34 Euro
- Wulf Segebrecht: Was Schillers Glocke geschlagen hat: Vom Nachklang und Widerhall des meistparodierten deutschen Gedichts
, Hanser Verlag, 14,90 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 10. November 2009]
Wider die Verfügbarkeit
Zu Norbert Sternmuts Gedichtband "Fadenwürde"
Von Karl Heinz Schreiber
"Pop"iges von Sternmut, das wär doch auch mal was – aber nein, Schluß gleich zu Beginn mit versuchten Wortspielereien, die wird der Autor (Jg. 1958) substantieller liefern. Ungewöhnlich ist, dass zum Titel ein Titelgedicht gleich zum Einstieg präsentiert wird. Aber nun hoffe niemand auf eine sofort griffige Erklärung dieser Wortneuschöpfung "Fadenwürde" – hier sei schlicht und ausnahmsweise die erste Strophe zitiert: "lege meine Sinne über deine Haut / in die Zeitkerze brenne ich / durch den Windsplitter / der Aufruhr der Fadenwürde / trampelt der Irrsinn durch den Hirnlappen / peitscht der Wind über das Schwundmoor." Hier ist Hermetik angesagt - hier gilt sinngemäß das Diktum von Hugo Friedrich: moderne Lyrik ist, wenn mans nicht versteht. Was nützt uns da der rote Faden, der übers Kopfsteinpflaster führt, auf dem Cover?!
Der moderne Lyriker beobachtet die Welt vielleicht nicht anders als wir - aber seine Entäußerungen scheinen seltsam chiffriert. Verbunden mit der Frage, warum uns ein Künstler die Welt in unverständlichen Worten, Tönen oder Farben wiedergibt, sollte uns freilich die Frage überfallen, ob wir denn tatsächlich die Welt verstehen, wenn sie uns in simplen Worten, Tönen, Farben begegnet?! Es ist klar: Kunst will uns sensibilisieren, zum Innehalten bewegen, zum Wechseln der Perspektive, zum Variieren der Distanz. Dabei sind manche Texte Sternmuts dialogisch angelegt, das lyrische Ich wendet sich an ein Du, es behauptet auch ein Wir: "komm, / Wir lassen uns beirren von Sinnen." Und dann blüht uns "der Reichtum der Sonne der Worte" und wir "baden im Glück der Sprache." Das können aber nur die Menschen mit Überzeugung tun, die mit ihrem Bewußtsein auch ihre Sprache und ihr Auffassungsvermögen entwickeln.
Eigenartigerweise vermeint man auch bei Sternmut die Standardthemen der Lyrik zu erkennen: der Mensch, das Leben, der Tod, die Liebe, die Natur. Und auch wenn er zu spezielleren Angelegenheiten kommt, welche unseren Alltag beschweren (Sucht, Geldgier, Amok, Politik), wird er nicht larmoyant – dennoch spürt man, wie er mitfühlt. Der ganze Irrsinn lässt ihn nicht kalt, aber er schwächt ihn nicht – vielmehr fordert er ihn heraus zur Positionierung. Und nun müsste man eben fragen: wie viele seiner Mitmenschen werden Sternmut folgen können und wollen an seinem roten Wortfaden entlang, wenn es womöglich "keine Aussicht auf Wirklichkeit" gibt?! Hier drängt sich auch immer wieder Wittgensteins Diktum auf: "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt." Wie erkenntnisträchtig sollen Sternmuts Verse sein: "Aus Büchern Zeilen / Brüchen was eigentlich wirkt im Grund / der Seele wer weiß von sich selbst?" Sollen wir denn mit säkularer Demut unsere Ratlosigkeit zelebrieren: "verworren in engen Hirnschalen"? Doch da wird der engagierte Sternmut relativ konkret: "den Windmühlen der Angst / setzen wir unseren Gleichmut entgegen / die Leidenschaft das Wort" – auf dass "sich tötet was uns tötet / sich erledigt was uns zwingt" – und wir den "Krüppelpfad der Erkenntnis" sicher durchschreiten und überwinden.
Bleibt unter anderem die Frage, wie wir der "Hirnverstumpfung" entgehen – wie setzen wir die "Gedankenschrauben" an?! Da bleibt der bescheidene Wunsch: "bei sich sein einmal am Tag / zwanzig Minuten mindestens." Und daraus quasi die Parole gewinnen: "wir wollen uns: doch verändern." Für Sternmuts Lyrik benötigt man jedenfalls mehr als zwanzig Minuten, damit es nicht heißt: "ins Sein geworfen Brüder und Schwester / ihr habt nichts verstanden // keine Wortschöpfung." Damit nicht der "Seelenkot" und die "Sternkacke" dominieren, so bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen unserem Willen und der Verwesung. Und wir sind es selbst, die zu sich finden und dem Sinn, der sich hinter dem Finden verbirgt. Sternmut hat uns herausgefordert – wir können ihm standhalten oder ins restliche Leben flüchten. Dort begegnen wir scheinbar eingängigeren Wortkombinationen – aber die Sprachmagie verbleibt eben bei modernen Poeten, welche sich ihrer Verfügbarkeit erwehren.
Norbert Sternmut: Fadenwürde, Pop Verlag, 96 Seiten, 14,30 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Karl Heinz Schreiber, erschienen in: Kult 29/09]
In zwei Stunden durch Jahrhunderte
Deutsche Literaturgeschichte
Kurz und gut: Nicholas Boyle. Geschwind und frech: Klabund
Von Günter Ott
Literaturgeschichte – die Sache hat Gewicht. Sie macht sich gemeinhin im Regal breit, Band für Band. Weil diese Gesamtausgaben meist nur als Nachschlagewerke genutzt werden, gibt es immer wieder Versuche, die gesamte deutsche Literaturgeschichte – um die geht es hier – kurz und bündig abzuhandeln.
Im Jahr 2002 erregte der Germanist Heinz Schlaffer Aufsehen. "Die kurze Geschichte der deutschen Literatur" statuierte ein stilistisch so glanzvolles wie schreiend ungerechtes Exempel. Deutsche Literatur wurde auf zwei Zeiträume zusammengedrängt: die Jahre 1770 bis 1830 und 1900 bis 1950. Wer die Literatur dermaßen kurz hält und die weiteren Wege scheut, läuft immer an Klippen auf. Schlaffer hat seine Abhandlung polemisch gewürzt, sie ist – ungeachtet aller Auslassungen – mit Genuss zu lesen.
Gründlicher, auch herkömmlicher nimmt der englische Germanist Nicholas Boyle, bei uns u.a. durch seinen zweibändigen "Goethe" ausgewiesen, die deutsche Literatur ins Visier. Er reiht nicht nur Namen und Werke, sondern sucht sie sozialhistorisch und politisch zu hinterfangen. Schlagend sein Eingangssatz: "Literatur – das sind nicht nur Texte, weil Texte nicht nur Texte sind." Boyle (Universität Cambridge) verfolgt vor allem eine Linie – die "der Animosität zwischen dem Beamtentum und der Bourgeoisie, zwischen den Vertretern der Staatsmacht (welche die Menschen tugendhaft macht) und den Kräften, die Gewinne erzielen (und so die Menschen glücklich machen)".
Auf die Richtung ist Verlass
Dieser Sonderweg vermag zwar in Teilen die Literatur in ein bislang ungewohntes Licht zu rücken, erweist sich aber aufs Ganze als zu starres Schema. Aber Boyle – auch er macht wie Schlaffer das lutherische Bekenntnis als literarisches Agens aus – ist ein zu guter Kenner der Materie, als dass er seiner Linie immer sklavisch folgte. Hier schreibt ein Liebhaber der deutschen Literatur, einer, der das Gelände nicht neu umpflügt, sondern verlässlich und urteilsfreudig die Richtung zeigt. Man folgt ihm gern.
Im Übrigen freut man sich über jede Menge pointierter Formulierungen, sei es, dass Boyle Schillers "Räuber" als eine "vorausweisende Analyse der Logik des selbstgerechten Terrorismus in einem moralischen Vakuum" kennzeichnet; sei es, dass er die Dichtung der Annette von Droste-Hülshoff in den Satz kleidet: "In einer einzigen Verszeile kann sie den Eindruck vermitteln, dass ihr ganzes Leben auf dem Spiel steht."
Beim Augsburger Brecht sieht Boyle – wie andere – den Vorrang des literarischen Werkes vor dem politischen Kampf. Und die Romane des 2002 verstorbenen Allgäuers W.G. Sebald zählen für den englischen Germanisten zum "bemerkenswertesten Ereignis in der deutschen Literatur der 1990er Jahre".
Eine Ausnahmeerscheinung sei hier noch angezeigt: Klabunds "Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde", neu aufgelegt nach der 1921 in Leipzig erschienenen Edition (Vorwort: Volker Weidermann; Nachwort: Dieter Wenk). Nun, man braucht eher 120 als 60 Minuten, um "Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart" (Untertitel) zu gelangen.
Klabund, eigentlich Alfred Henschke (1890–1928), schert sich nicht um Kanon und übliche Entwicklungsgänge, er zieht seine ureigenen Schubladen und aus ihnen viele heute unbekannte Namen, malt szenisch aus, scheut nicht zurück vor Superlativen und vor Typisierungen der deutschen Seele, die er in Faust, Eulenspiegel und Parzival verkörpert sieht.
"Lest Bücher, Deutsche"
Das ist von umwerfender Frische und frecher Gewichtung, getragen vor allem von der Liebe zum deutschen lyrischen Lied und zum Märchen, gestützt auf viele originelle Formulierungen. Über Lessing: "Er ist nicht so langweilig wie die, die sich bei ihm langweilen." Über den großen Jean Paul: "Freilich, es ist nicht leicht, zu ihm zu gelangen. Er hat sein Schloss mit Dornenhecken, Fallgruben und Selbstschüssen umgeben." Klabund macht Lust. Sein Ruf möge nicht ungehört verhallen: "Lest Bücher, Deutsche, lest die Bücher eurer Dichter, und ihr werdet glücklicher und manchmal glücklich werden."
Nicholas Boyle: Kleine deutsche Literaturgeschichte, C. H. Beck, 272 S. (mit Abbildungen und Register), 17,90 Euro.
Klabund: Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde: Von den älteren Zeiten bis zur Gegenwart, Textem, 126 S.,11,90 Euro.
Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser, 12,90 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 3. Juni 2009]
H. - ein Stillleben
Das Alter. Walter Kappachers wunderbarer Roman über Hofmannsthal
Von Günter Ott
Es gibt Orte, die lassen einen nicht los. Hugo von Hofmannsthal (1874 - 1929) führte der Weg immer wieder nach Fusch, in jenes Kurbad in den Salzburger Bergen. Dort lebte und arbeitete er in jungen Jahren, gerühmt und bewundert als Schriftsteller. Dorthin kehrt er jetzt, im Sommer 1924, für einige Tage zurück. Davon "handelt" Walter Kappachers wunderbar einfühlsames Buch "Der Fliegenpalast".
Hofmannsthal ist ein "Zurückgekehrter", doch Fusch und sein Hotel haben allen Glanz verloren. Die Zeit ist über sie hinweggegangen. Gräser haben die Wege, Spinnweben die Bänke überwuchert. Die 200 Milliarden Papiermark sind nichts mehr wert und die Bleistifte von solch minderer Qualität, dass das Geschriebene in kurzer Zeit verblasst.
Abschied, Wehmut und Erinnerung
Der Krieg ist übers Land gezogen, hat die K.u.K.-Monarchie hinweggefegt. Auflösung, Zerfall, wohin H. sieht. So wird Hofmannsthal durchweg im Roman abgekürzt. Die harten Wirklichkeitsdaten weisen den Weg in seelische Bezirke, aber auch da findet der gealterte Schriftsteller keinen Halt mehr. Ein Mensch wird zum Stillleben, gezeichnet vom Abschied, von wehmütigen Erinnerungen an jene Jahre, da ihn die Einfälle am Schreibtisch berauschten.
Doch nun ist die Arbeit ins Stocken geraten, es geht kaum voran mit dem Fünfakter "Turm", mit dem "Timon", mit dem "Andreas"-Roman. Beziehungen und Namen wie Carl J. Burckhardt, Max Reinhardt, Richard Strauss gehen H. nicht aus dem Sinn, auch nicht die im nahen Altausee wohnenden Angehörigen.
Walter Kappacher, Jahrgang 1938, kennt sich aus in der Umgebung von Fusch. Und er kennt Hofmannsthal so gut, dass er seine Gedanken lesen kann. Er wahrt indes immer Diskretion, schreibt in der Er-Perspektive, fügt Briefe in den Erzählgang ein, innere Monologe und Betrachtungen. Das Wort "hatte" ist das häufigste Zeitwort.
Sehnsucht nach Gespräch
Der Blick fällt in die Vorvergangenheit. Einschübe wie "erinnerte er sich" und "fiel ihm ein" wiederholen sich, Sätze laufen aus in drei Punkten oder in Fragezeichen. Bei alldem schafft Kappacher einen melancholischen, nicht ohne Komik gefärbten Ton, der dem bis in Geisterreiche führenden Buch eine starke innere Spannung gibt.
H. lechzt nach dem Gespräch (mit Doktor Krakauer), gleichzeitig fasst ihn immer wieder eine Menschenscheu, die das geschäftige Leben um ihn herum in die Distanz weist. Alles rinnt vorüber, vorbei sind Schreibglück und Anerkennung, das Alter stellt H. auf die Seite des ungelebten Lebens. Man steht am Fenster und schaut hinaus aufs ferne Geschehen. Die leise, lange nachklingende Erzählung Kappachers ist exemplarisch; sie zielt über Hofmannsthal hinaus.
Walter Kappacher: Der Fliegenpalast, Residenz Verlag, 172 S., 17,90 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 21. März 2009]
Gestern liebt' ich, heute leid' ich
Gedicht-Deutungen von Peter von Matt
Von Günter Ott
Wer kennt Liebesgeflüster unserer Vorfahren („mîn zuckerkrûtken“)? Wer endete sein Gedicht mit der Zeile „Was fang ich an mit sechsundfünfzig Katzen!-“? Wer reimte „Urin“ auf „Hölderlin“? Wer rühmte den stattlichen Bauch von Charles Laugthon als Kunstwerk?
Die Antworten hält das vortreffliche Bändchen „Wörterleuchten“ des renommierten Germanisten Peter von Matt bereit. Sein Untertitel: „Kleine Deutungen deutscher Gedichte“. Es sind 60 an der Zahl, vom Mittelalter bis heute. Die meisten der im Lauf von 26 Jahren entstandenen Kurzinterpretationen des Schweizer Emeritus erschienen in der 1974 von Marcel Reich-Ranicki begründeten „Frankfurter Anthologie“, eine feste Größe in der Samstag-FAZ bis auf den Tag.
Was wird über Gedichte, über diese bewundernswerten Sprach- und Wirklichkeitskonzentrate, nicht alles geschwafelt? Anders hier: Die pointierten, erhellenden, in einem vorbildlichen Deutsch vorgetragenen Ausführungen Peter von Matts kommen auf eineinhalb bis zwei Seiten unter. Das Gedicht findet wie selbstverständlich zu seiner Deutung, und beides wird als Lesevergnügen und Denkstück an den Leser weitergereicht. Eine Betrachtung beginnt z.B. so: „Er trug immer einen kleinen Schraubenzieher bei sich. Damit schraubte er Hinweisschildchen ab, löste Anschläge von der Wand, Klebezettel.“ Gemeint ist Kurt Schwitters, dessen Gedicht „An Anna Blume“ mit dem wunderbar-verrückten Liebesbekenntnis ausklingt: „Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir!“
Wie einst im Mai
Große Autoren stehen neben kaum bekannten, Matthias Claudius und Goethe neben Hermann von Gilm zu Rosenegg (1812–1864), den wenige kennen, auch wenn fast alle eine Zeile von ihm im Mund führen: „Wie einst im Mai“. (Sie steht in seinem „Allerseelen“-Gedicht.)
Dichter schreiben an gegen „säbelnde Zeit“, es bedrückt sie das Seelenheil, der Verlust der Liebe (Annette von Droste-Hülshoff!), es bleibt ihnen in allem Leid das Wissen um ihre Unsterblichkeit – siehe Heine, der lang in Paris dahinstarb unter vielen Augen aus ganz Europa. Heines köstliche Zwei- und Mehrdeutigkeiten („Der Scheidende“) legen eine poetische Spur bis in die Gegenwart.
Viele Dichter in diesem Band suchen die Zeit zum Stehen zu bringen im erfüllten Augenblick. Grazie mischt sich in die Reflexion, der Traum von der Erlösung rinnt durch die Zeilen, der ekstatische Aufbruch wechselt mit dem Rückgriff auf Bibel und Mythologie.
Gestern liebt’ ich,
Heute leid’ ich,
Morgen sterb’ ich:
Dennoch denk’ ich
Heut und morgen
Gern an gestern.
Welch einfache Verse, und aus welcher Tiefe leuchten sie! Lessing hat sie 1779 in seinem „Lied. Aus dem Spanischen“ gedichtet. Eine spanische Vorlage wurde nie gefunden. Kurz zuvor, schreibt Peter von Matt, ist Lessings Frau gestorben, an der Geburt eines Sohnes, der keine 24 Stunden überlebte. Diesen Schicksalsschlag verwand Lessing nicht, er starb drei Jahre später.
PS: Die eingangs gestellten Fragen beziehen sich auf Gedichte von Hetzbold von Weißensee, Theodor Storm, Günter Eich und Brecht.
Peter von Matt: Wörterleuchten. Kleine Deutungen deutscher Gedichte, Hanser, 220 S., 17,90 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 10. März 2009]
Ute Karen Seggelke: "60 Jahre und ein bisschen weiser. 21 Frauen erzählen"
Von Roswitha Hofmann
Die Hamburger Fotografin Ute Karen Seggelke ist 1940 geboren. Sie arbeitet mit Schwerpunkt Kulturreportage, Architekturfotografie und Menschendarstellung. Jetzt hat sie 21 Frauen zwischen 60 und 70 Jahren fotografiert und ihnen Fragen gestellt.
Hochinteressante Kurzbiografien in Wort und Bild sind dabei herausgekommen. Ein wunderschöner Bildband und viel mehr als das. Ein Kaleidoskop von Lebenswegen. Sie werden staunen, bewundern. Berührt und begeistert sein. Ein Funkenfeuer von Frauenschicksalen. Es sind fast nur prominente Frauen, die hier auftreten, aber jede von uns kann sich diese Fragen stellen. Und das werden Sie auch tun, wenn Sie dieses Buch in Händen halten. Es ist nämlich ansteckend und verlockend, sein Leben anzuschaun, einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus. Sie werden sich wundern, was Ihnen alles einfällt, was verschollen schien und in das Grundraster dieser Gespräche passt.
Die "Menschendarstellerin" Seggelke hat ihre Altersgenossinnen nach Stichworten befragt:
Lebensgefühl heute
Wichtige Veränderungen in den letzten 10 Jahren
Prägungen
Beruf
Wichtige Lebensstationen
Familie/ Beziehungen/ Partner/ Freunde
Älterwerden des Körpers
Erotik/ Sexualität
Wünsche und Träume für die Zukunft
Lebenssinn/ -aufgabe/ -ziel
Religion/ Spiritualität
Gedanken über das Alter
Sterben und Tod
Resümee: Was ist heute wichtig?
Es sind 21 sehr unterschiedliche Lebenslinien, aber es gibt starke Parallelen: die Dankbarkeit für das Erreichte, das Erlebte und die Geschenke des Lebens – die Freude über das Da-Sein hier und jetzt – und der neugierige Blick auf das, was kommt. Die Fotografin eingeschlossen sind sich alle 22 Frauen in den Sechzigern einig: Sie leben heute im Einklang mit sich selbst, gelassener und freier als je zuvor.
Ein spannendes Buch ist das – vielschichtig, differenziert, bunt, hinreißend. Voller Leben, Komik und Traurigkeiten. Meine Söhne würden sagen: „weiberliches Zeug“. Und sie hätten Recht damit. Es ist natürlich ein Buch von Frauen für Frauen. Aber die Männer kommen nicht zu kurz. Sie gehören ja dazu, die Großväter, Väter, Partner, Freunde, Liebhaber, Söhne und Enkel.
Lassen Sie sich animieren. Gehen Sie auf Spurensuche. Holen Sie ein eigenes Kinderfoto und ein Jugendbild hervor. Führen Sie ein Selbstgespräch. Stellen Sie sich Fragen. Sie werden überrascht sein von vielen Antworten.
Ein anregendes Buch. Ein schönes Geschenk für sich selber, für Mutter und Großmutter – für alle an Frauen Interessierten. Ein Buch, das Lust macht auf die Jahre jenseits der 60. Ein Buch, das Mut macht zu den Herausforderungen und den Privilegien des Alters.
Ute Karen Seggelke: 60 Jahre und ein bisschen weiser: 21 Frauen erzählen, Gerstenberg Verlag, 192 Seiten, 29,90 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin - Besprechung Roswitha Hofmanns bei "Beckers Lesezeichen", Buchhandlung Johanna Glas, Dezember 2008]
Christine Zuppinger: "Schwalbennester"
Von Roswitha Hofmann
Vita
Christine Zuppinger, geboren in Freyung im Bayerischen Wald, ist Ethnologin. Sie hat mehrere Jahre in Sizilien gelebt und dort über einen traditionsreichen Markt in Palermo sowie über die Bewohner eines Altenheims in St. Angelo di Brolo geforscht. Derzeit arbeitet sie an einer Untersuchung über die Veränderung der Lebensbedingungen sizilianischer Hirten. Christine Zuppinger lebt in Berlin. "Schwalbennester" ist ihr Debüt als Autorin.
Inhalt
"Schwalbennester" hat einen Untertitel: - Zwei ledige Bäuerinnen erzählen – und das ist auch schon der Inhalt des Buches. Den zwei Schwestern Maria und Zenzi gehört ein Hof im Bayrischen Wald. Sie sind etwa 70 Jahre alt, als sie der Autorin von ihrem Leben erzählen. Stück für Stück. Sparsam und gewichtig. Sie sind noch von früher, aus einer anderen Zeit, und gleichzeitig sind sie sehr heutig. Wie russische Puppen tragen sie ihre Vorfahren in sich – wie wir das alle tun. Es sind Einblicke in ihr Leben, die sie zulassen. Eine Rückschau in ihre Vergangenheit. Der Ausblick aus ihrem Stubenfenster. Diese zwei Frauen haben was zu sagen. Sie wohnen und arbeiten noch immer auf ihrem kleinen Bauernhof im Bayrischen Wald – wo sie schon immer gelebt haben. Und sie leben ihr Leben dort zu Ende.
Besprechung
Es gibt nicht viel zu sagen über das Buch. Es ist aus sich heraus stark. Auch die Autorin nimmt sich sehr zurück. Lässt diesen zwei Frauen das Wort. Und was sie sagen ist von großer Klarheit. Christine Zuppinger achtet das Gesagte und schreibt es auf. Ohne stilistisch einzugreifen, ohne zu interpretieren, ohne zu verändern. So gehen die Eindrücke der Autorin und die Erinnerungen der beiden ineinander über – sind beim Lesen nicht mehr auseinander zu halten. Ein Lobgesang auf das Einfache entsteht. Selbstbewusstsein und Bescheidenheit sind die Tugenden von Maria und Zenzi.
In einer wunderbar knappen und schlichten Sprache teilt die Autorin mit uns den gehaltvollen Inhalt. Gedanken, Augenblicke. Geschichten werden verkittet wie Schwalbennester. Dieses Bild stammt von Maria – so ist der Titel entstanden. Drei Jahre lang hat Christine Zuppinger die Maria und die Zenzi immer wieder besucht. Sie hat nicht locker gelassen. Ist durch die anfängliche Distanz und Skepsis behutsam auf die zwei Frauen zugegangen. Hat sie sich vertraut gemacht. Bis sie angefangen haben zu erzählen.
Auf dem blauen Sofa in der Buchmesse Frankfurt hat Christine Zuppinger ihr Buch vorgestellt. Es war der Autorin ein großes Anliegen, nicht eine zusammenhängende Geschichte oder Biografie über die zwei zu schreiben. Es ist wesentlich, dass die Fragmente, die Miniaturen so stehen bleiben. Sie ergeben trotzdem ein Ganzes. Ein ganzes Leben, entbehrungsreich und reich.
Zwei ganz normale Frauen. Zwei ganz besondere Frauen. Zwei Leben mit Maß und Ziel. Mit einem heftigen harten Schicksal und der richtigen Kraft dazu. Lebensfreude, Witz und Weisheit kommen auch vor. Reichlich Abgeklärtes, Tüchtiges, Gelassenes. Ein Leben Seite an Seite, nebeneinander und miteinander.
Ich war beim Lesen immer wieder ergriffen. Aber es ist kein trauriges Buch. Im Gegenteil. Die pragmatische Einstellung, die klare Haltung der beiden Frauen, ihre Klugheit und ihr Humor beeindrucken, sind Vorbild. Zuletzt kam mir der Gedanke: Hätten die zwei Kinder, die könnten stolz sein auf ihre Mütter und glücklich drüber. So aber bleibt uns die Freude an der kleinen Hinterlassenschaft in diesem Buch. Ein schönes Erbe. Denn beide sind schon gegangen, wie sie gesagt hätten.
Das Buch ist ein Juwel im Bücherberg dieses Jahres. Christine Zuppinger hat Schwarz-Weiß-Fotos gemacht von den beiden Schwestern und dem Platz, wo sie daheim waren. Diese faszinierenden Bilder fügt sie den Texten ein. Sie verstärkt und bekräftigt damit das Gesagte. Außergewöhnliche, ergreifend schöne Portraits von zwei sehr unterschiedlichen Schwestern, zwei absolut authentischen Persönlichkeiten.
Christine Zuppinger: Schwalbennester, Steidl Verlag, 135 Seiten, 16 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin - Besprechung Roswitha Hofmanns bei "Beckers Lesezeichen", Buchhandlung Johanna Glas, Dezember 2008]
Unter finstern Himmeln
Celan & Bachmann: Ein erschütternder Briefwechsel
Von Günter Ott
Im Mai 1948 lernten sie sich in Wien kennen. Ingeborg Bachmann schrieb begeistert an ihre Eltern, Paul Celan habe sich "herrlicherweise" in sie verliebt, ihr Zimmer gleiche einem "Mohnfeld", mit dieser Blumensorte überschütte sie der surrealistische Lyriker. Das Liebespaar konnte gegensätzlicher nicht sein: Die Philosophie studierende Tochter eines ehemaligen österreichischen NSDAP-Mitglieds aus Klagenfurt traf den staatenlosen Juden aus Czernowitz, dessen Eltern im Konzentrationslager umgekommen waren.
Der Zuneigung, kaum eingestanden, folgte sogleich die Trennung: Celan ging im Juni nach Paris. Der einsetzende Briefwechsel zwischen diesen beiden exemplarischen Lyrikergrößen der deutschen Nachkriegsgeschichte liegt nun komplett vor. Es sind fast 200 Zeugnisse – das erschütternde Dokument einer unerfüllten Liebe, beschworen "unter unsern finstern Himmeln" (Celan).
Sie widmen sich Gedichte, flehen um Besuch, haben Angst, zu viel zu sagen, betteln um ein Wort, fallen in langes Schweigen, werfen sich Missverständnisse vor, brechen Briefentwürfe ab, verschanzen sich hinter Verletzungen, sehnen neue Gemeinsamkeit herbei. Das Schöne: Bei aller Offenlegung bleiben die letzten Geheimnisse dieser Liebe im Verborgenen.
"Ein Wort von Dir – und ich kann leben." "Wo wills mit uns hin, ich weiß nicht" (Celan). – "Weißt Du eigentlich noch, dass wir doch, trotz allem, sehr glücklich miteinander waren, selbst in den schlimmsten Stunden, wenn wir unsre schlimmsten Feinde waren?" "Es zerbricht mir alles" (Bachmann). "Ich glaube wirklich, das größere Unglück ist in dir selbst"
Der Gesprächsfaden ist stets bis zum Zerreißen gespannt. Zwei an der Liebe Verzweifelte zweifeln am Leben, an der Dichtung und Sprache und am Kulturbetrieb, in dem die anderen so „wohlig turbulieren“. Paul Celan wittert neuen Antisemitismus im Nachkriegsdeutschland, er empfindet sich als Missverstandenen, Übersehenen, Verunglimpften (Plagiatsvorwürfe durch Claire Goll!) – so sehr, dass er seine wachsenden Erfolge nicht sieht; so sehr, dass Ingeborg Bachmann allen Mut zusammennimmt und ihm vorhält: "Ich glaube wirklich, dass das größere Unglück in Dir selbst ist."
Celan ist seit 1951 mit der Französin Gisèle Lestrange verheiratet, Bachmann lebt mit dem Komponisten Hans Werner Henze und später mit Max Frisch zusammen. Im Oktober 1957 in Wuppertal flammt die Liebe zwischen Celan und Bachmann noch einmal auf, doch bald legt sich wieder der tiefe Schatten auf die "Herzzeit" (so der Titel der Edition). Die Autorin Bachmann feiert Erfolge, Celans psychische Krisen spitzen sich dramatisch zu. 1967 schreibt er die letzten Zeilen an Ingeborg, das Zwiegespräch bricht ab.
In der Nacht vom 19. auf den 20. April 1970 verließ der Dichter seine Pariser Wohnung. Celan stürzte sich in die Seine. "Er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben", steht im Bachmann-Roman "Malina".
Ergänzend ist Celans (spröder) Austausch mit Max Frisch nachzulesen, ferner die tief bewegenden Schreiben zwischen Bachmann und Celans Frau Lestrange. Das Ganze ist vorbildlich kommentiert und mit einer abschließenden Zeittafel versehen.
Herzzeit: Ingeborg Bachmann - Paul Celan. Der Briefwechsel, Suhrkamp Verlag, 399 Seiten, 24,80 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung / Bücherjournal vom 13. Oktober 2008]
Die Literatur zeigt ihr Gesicht
Isolde Ohlbaums Autorenporträts aus vier Jahrzehnten im Literaturhaus München
Von Michaela Didyk
Der italienische Schriftsteller Alberto Moravia sitzt in Denkerpose im Münchner Hotel "Vier Jahreszeiten" und schreibt ein paar Zeilen nieder (1979). Der junge Salman Rushdie tippt auf dem Bild nebenan mit dem Zeigefinger auf der Schreibmaschine und hält dabei die Zigarette in der Linken: Schauplatz London 1982.</ br> Am Anfang steht die Einsamkeit des Schreibens, nach ihr kommt – vielleicht – der Erfolg. Marguerite Duras nimmt einen Preis in Empfang (Paris 1986), während Nadine Gordimer, von ihrer Lesergemeinde bedrängt, ihr Buch signiert (Frankfurt 1991).
Autorinnen und Autoren im Porträt zum Sprechen zu bringen, darin besteht die Kunst Isolde Ohlbaums. Seit vier Jahrzehnten holt die im oberbayrischen Moosburg geborene Fotografin, die seit 1953 in München lebt, Schriftstellerinnen und Dichter, namhafte Philosophen, Preisträger oder gerade aufgehende Sterne des Literaturbetriebs vor die Kamera. Ihr überquellendes Archiv und die künstlerische Qualität ihres Schaffens dokumentieren die internationale Literaturszene auf einzigartige Weise.
120 Literatenporträts, die Isolde Ohlbaum seit 1976 schuf, reihen sich in der Schau im Literaturhaus München. „Bilder des literarischen Lebens“ heißt der Begleitband mit 352 Aufnahmen, der schon jetzt als „der große Ohlbaum“ gehandelt wird. Augenblicke öffnen den Blick in die Seele.
Anders als das alphabetisch geordnete, von Achternbusch bis Zuckmayer reichende Buch stellt die Ausstellung Gruppierungen zusammen: (die wenigen) Farbfotographien, Dichter vor Türen, Mehrpersonenbilder, Fotos, in denen die Hände auffallend „mitsprechen“ oder in denen die Umgebung Akzente setzt. Robert Gernhardt, ferngerückt, lehnt an einer mächtigen Buche (Berlin 2000), Peter Rühmkorf spaziert in Rückenansicht die Elbe entlang. 2000 entstanden, macht dieses Foto deutlich, wie Zeit die Sicht verändert: Nach dem Tod des Dichters (2008) sehen wir einen, der weggeht, der uns verlassen hat.
Hände sind Isolde Ohlbaum wichtig. Viele Autoren, so erzählt sie, hätten Bedenken, in die sinnierende Pose zu rutschen. Jürgen Habermas wollte partout keine Hände zeigen, sondern als Kopfmensch erscheinen. Isolde Ohlbaum nimmt sich Zeit für die Autoren, bereitet sich vor, geht auf Wünsche ein. Leidenschaft für die Literatur verbinden sich bei ihr mit Reiselust. Sie selber bleibt unsichtbar. Ein einziges Foto - das Porträt von Thomas Brasch - zeigt sie im Spiegel, das Gesicht hinter der Kamera verborgen - eine so diskrete wie herausragende Beobachterin der Akteure auf der literarischen Weltbühne.
Bis 9. November im Literaturhaus München, Di - Fr 12 - 20 Uhr, Sa/So 12 - 18 Uhr. Der opulente Begleitband kostet 68, in limitierter Vorzugsausgabe 298 Euro.
Isolde Ohlbaum: Bilder des literarischen Lebens: Photographien aus vier Jahrzehnten, Schirmer / Mosel Verlag.
[Erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 25. September 2008]
Ganz eng an den Körpern
Neues von Stefan Monhardt
Von Michaela Didyk
26 Gedichte umfasst Stefan Monhardts Band „Augenblicksgötter“. Seine Verse zu Zeit und Raum, über Kindheit und Tod lassen erahnen, wie Welt aus dem Innern entsteht, wie sie zum Denkraum wird. In behutsamen Zeilen umkreisen die Verse Möglichkeiten, denn „die welt ist ganz dicht und kompakt / du kommst da nicht dazwischen“. Der Gedankensprung, die Analogie, verbindet innen und außen. „vergleich“ lautet denn auch der zentrale Gedichttitel. Monhardt entwickelt seine „logik ganz eng an den körpern“. Sinnliches und bildhaft Erfahrbares kommen zum Vorschein – „nur zwei gestöber eigener ordnung die wir bewohnen“. Mit „Augenblicksgötter“ legt der 1963 in Calw geborene Lyriker seinen sechsten Band vor. Der in Berlin lebende freie Autor und Übersetzer erhielt den Förderpreis der Stadt Ulm (1994), den 1. Preis beim Irseer Pegasus (2000) und 2007 das Literaturstipendium des Landes BadenWürttemberg. Die Schulung an der antiken Tradition ist in jeder Zeile Monhardts zu spüren. Aus präziser Sprache erwächst „eine art schattenloses gelingen“. Seine modernen „Augenblicksgötter“ besitzen durchaus noch Macht über die Dichter; sie entzünden die Inspiration, die aus Monhardts Versen überspringt.
Stefan Monhardt: Augenblicksgötter, Drey-Verlag, 40 Seiten, 17 Euro.
[Erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 28. Mai 2008]
Der Dichter öffnet die Tür zu seiner Werkstatt
Paradiesvogelschiß. Neue Verse und Sprachmaterialien von Peter Rühmkorf
Von Günter Ott
Ein typischer Rühmkorf-Titel: Paradiesvogelschiß. Die Ironie des Dichters verschmilzt Glanz und Abfall. So ist das Leben, würde Rühmkorf sagen, so ist seine Dichtung. Vom Lebensbaum und vom Poetenbaum mit seinen goldenen Sprüchen spricht das Titelgedicht. Der Einstand des neuen Bandes leitet über zu faksimilierten Manuskriptblättern, getippt auf der Olympia Monica, versehen mit handschriftlichen Korrekturen.
Dann öffnet der 78-jährige Dichter, der eine schwere Operation hinter sich hat und seine Hamburger Wohnung gegen eine Bauernkate im Lauenburgischen getauscht hat, die Tür zu seiner Vorratskammer. Sie ist bis obenhin voll von Einfällen, Fragmenten, Versen und Notizen, Zählreimen und Impressionen, Zweideutigkeiten, die das Echo der Sprache abhören. Die Zeilen harren ihrer dichterischen Erweckung. Keime nennt sie Peter Rühmkorf, der nach eigenem Bekenntnis immer Papier und Bleistift mit sich trägt.
Höchst Unterschiedliches ist da eingelagert, Slang und hoher Ton, der Wortfindling und das fertige Gedicht, der zündende Funke, wohl auch der Blindgänger. Der Leser wandelt durchs Laboratorium, er riecht gleichsam die magischen Substanzen, aus denen das Gedicht sich fügt. Gefügt wird von einem, den die Einfälle überfallen.
Der zudem bestens bewandert ist in der Literatur zwischen Walther von der Vogelweide und Benn, der die Alt- und Jungvorderen neu entzündet, indem er ihnen mit Ironie und Sprachspiel kommt. Oder indem er, der Aufklärer, ihre Größe durch den Einsatz parodistischer Mittel reguliert.
Der Artist reimt Nicole Kidman auf widmen, Spaß auf Vanitas. Natürlich weiß der Dichter, dass sein Feld schmaler wird, dass der Allesfresser Tod lauert. Es geht um die existenziellen Fragen. Aber da bleibt Rühmkorf unnachgiebig: Der Wahrheit zuliebe immer weite Bögen / um die letzten Dinge gemacht. Es ist das Buch, das aufscheint als Erlösung, als Hoffnung, dass man seinen Seiten mit Engelsflügeln entsteigt.
Rühmkorf ist einer, der sich lieber auf Erden austobt, der den Garten Eden vor der Haustür anlegt und genießt, der eher durch ein selbst verfasstes Idyll schlendert als sich in die verminten Zonen der drei Weltreligionen zu begeben oder sich an Gebetsbüchern dummzulesen.
Dieser Dichter ist ein Erotiker: Leider, die Möglichkeiten schwinden, / eine neue Stellung im Vers zu erfinden. Vers, das ist für Rühmkorf eine Kopulation. Er verbindet Dinge und Sprachmelodien. In Paradiesvogelschiß ist alles möglich, Langgedichte und Kurzstrophen, Verballhornungen, (Schlag-)Zeilen über (den soeben verstorbenen) Charlton Heston wie über das Hallenunglück von Reichenhall, Paarreime und Silbengleichklänge, die das Gedicht im Sprung über mehrere Zeilen hinweg klammern.
Man muss den Band, der in Teil 3 (Rückblickend mein eigenes Leben . . .) einen Schlussklang anstimmt, in dem die Virtuosität, die Ironie mit der Melancholie tanzt, mehr als einmal lesen. Welche Skepsis und Sprachlust! Und dann wieder eine Leichtigkeit, mit der der Dichter das Leben aufs Papier wirft:
Dichter, hau die Wiese hin,
wie sie vor dir liegt,
mit ner rosa Lisa drin,
eh sie n andrer kriegt.
Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiß, Rowohlt Verlag, 143 Seiten, 19,90 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 9. April 2008]
Kriegslärm in der Niemandsbucht
Schriftstellerleben. Neues über Peter Handke.
Von Günter Ott
Solche Deutschlehrer sind jedem zu wünschen. Deutschlehrer wie Reinhard Musar, der Peter Handke Mut zum Lesen und Schreiben machte, der dazu beitrug, dass der junge Mann von seinen traumatischen Erfahrungen im Knabeninternat "Marianum" in Tanzenberg nördlich von Klagenfurt freikam.
Traum und Trauma, die im Werk im plötzlichen Briefwechsel aufleuchten; Traum und Krieg, die sich im jungen Handke eingegraben haben, nicht zuletzt dank der Feldpostbriefe seines sich nach der Heimat sehnenden Taufpaten Gregor - das sind Konstanten, die der Salzburger Germanist Hans Höller in seiner bewundernswert gelungenen Handke-Monografie als tiefe Lebens- und Werkspuren zeichnet.
Handke, mitten im Krieg am 6. Dezember 1942, im Südkärntner Dorf Griffen geboren, an der Grenze zum von deutschen Truppen besetzten Jugoslawien, wird den Schrecken nicht los. Noch in die märchenhaft abgeschottete "Niemandsbucht" (1994) dringt der Kriegslärm, bricht die Welt der Flüchtlinge, von der auch "Bildverlust" (2002) und "Kali" (2007) erzählen.
Gewaltig sind die Sprünge und Brüche im Leben und im Roman. Am Anfang stand Handkes unbedingter Wille zu schreiben. Die Mutter wird zur ersten Leserin, sie, die im November 1971 an einer Überdosis Schlaftabletten und Antidepressiva gestorben ist. Ihr Sohn hat ihr eine seiner eindringlichsten Erzählungen gewidmet: "Wunschloses Unglück" (1972).
Angst um die Mutter, auch dieses Motiv erweist seine Dauer, vom frühen, bedeutenden Roman "Die Hornissen" (1966) an. Und ebenso früh setzen die Gegenbewegungen ein, das Unterwegssein, die Wahrnehmung des "unaufhörlichen Jammers der Dinge" und das im Schreiben sich öffnende Gelände der Verwandlung, die neue Gemeinschaft, der verlorene Zusammenhang. Man könnte auch mit Handke-Titeln von der "Stunde der wahren Empfindung" (1975) und vom "Versuch über den geglückten Tag" (1991) sprechen.
Wie wird man ein anderer? Das treibt schon die von den Einsagern sprachlich zugerichtete Kaspar-Figur um. Immer geht es um das Infragestellen und um die Selbstbefragung (in all den gewichtigen Notizbüchern). Beides ist Sprachtätigkeit. Negativ: nicht dem "Magnetismus der Wörter" zu verfallen; positiv vom Autor postuliert: "Ich erwarte von einem literarischen Werk eine Neuigkeit für mich, etwas, das mir eine noch nicht bewusste Möglichkeit von der Wirklichkeit bewusst macht."
Hans Höller ruft Handkes tiefste Schreibkrise 1978/79 in Erinnerung. Ein verzweifelter Autor wandte sich an den Freund und Kollegen Hermann Lenz: "Seit 45 Tagen schreibe ich tagaus, tagein und weiß oft nicht mehr, was ein Wort mit dem anderen zu tun hat - was ein Wort überhaupt sagt." So manches aus Handkes Leben und Werk hat man so nicht gewusst und vernommen. Der Monograf erweist sich als hervorragender Kenner des Œuvres. Er schöpft teils aus unveröffentlichten Notizen und aus seiner persönlichen Nähe zum Autor, der das jahrelange Unterwegssein im Sommer 1990 beendete und in Chaville nahe Paris sesshaft wurde. Ein Einwand bleibt: Aufs Ganze gesehen - und auf den Balkankrieg im Besonderen - hätte man hie und da etwas kritische Distanz gewünscht.
Hans Höller: Peter Handke, Rowohlt Verlag, 8,95 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, im Verweis auf Neuerscheinungen gekürzt, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 3. Januar 2008]
Zauberbuch des Lebens
Rüdiger Safranski geht auf wunderbare Reise durch die Romantik
Von Günter Ott
Der Abschied kam plötzlich. Im Mai 1769 teilte der Prediger Herder seiner Gemeinde mit, er wolle die Welt seines Gottes "von mehr Seiten kennenlernen", bestieg ein Schiff und ließ das beengende Riga hinter sich.
Ein Aufbruch, wie er im Buch der Romantik steht. Mit ihm bricht auch Rüdiger Safranski auf in die Welt dieser Epoche (1770-1820), die durch die Geisteshaltung des Romantischen ausstrahlt bis in unsere Zeit.
Aufbruch, Abfahrt - das ist der klassische romantische Topos. Man sucht das Leben in der Natur, den schöpferischen Ursprung, der den Menschen noch einbindet in den Klang des Ganzen. Das immerwährende Losmarschieren ist das Signum des Eichendorff'schen Taugenichts.
Er kommt nur an, um wieder aufzubrechen in die vielstimmige Natur und Kultur. Diese legen indes dem Wandersmann nicht nur ein Lied auf die Lippen, sondern konfrontieren ihn auch mit Gegenbildern. Kein Leben ohne Abgrund, keine Natur ohne Schauer, keine Morgenröte ohne Nacht.
Stichwort "Morgenröte": Als solche erschien vielen Romantikern die Französische Revolution. Dichter und Denker pflanzten Freiheitsbäume - und mussten binnen kurzem die in blutigem Gemetzel endende Tyrannei der Vernunft miterleben.
Politisches Leid, ästhetische Freud - auch diese Doppellinie zieht sich durch Philosophie und Literatur, Der Zauberring des Kunstgeheimnisses fasste das Leben, Ahnung und Sehnsucht wurden zu Synonymen, die mannigfach verspiegelte romantische Ironie warf die Welt hoch in den Irrealis und fing sie im Alsob wieder auf (was den damaligen Wahrheitsaposteln nicht behagen mochte).
Was ist romantisch? Novalis gab die gültige Antwort: "Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe." Safranskis konzentrierten Ducrchgang durch diese geistig so virulente und erzählerisch so fruchtbare Epoche zu verfolgen, ist ein Hochgenuss. Das liegt auch am lebendigen Stil, der noch einen Fichte zu vermitteln vermag.
Dass die Malerei nicht, die Musik kaum vorkommt und die europäische Dimension der Romantik außen vor bleibt, hätte der Autor im Vorwort sagen sollen, um es sich nicht vorhalten lassen zu müssen.
Es ist spannend, das Romantische - bei Heine, Wagner, Nietzsche, Heidegger und anderen - bis in die 68er Jahre des vorigen Säkulums zu verfolgen - mündend in die durchaus triftige Diagnose des Autors, dass immer dann, wenn sich Romantik und Politik in Deutschland mischen, Probleme entstehen.
Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre, Hanser Verlag, 415 Seiten (inklusive Register), 24,90 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 7. Oktober 2007]
Weiß die Blüten, weiß das Haar
Zu Reiner Kunzes jüngstem Gedichtband "lindennacht"
Von Günter Ott
Philemon und Baucis erhielten im Alter das Geschenk ihres Lebens. Sie durften zur selben Stunde sterben. So dankten ihnen die Götter die Gastfreundschaft. Nach dem Tod wurden Philemon und Baucis in zwei beieinander stehende Bäume verwandelt. In zwei Gedichten seines Bandes lindennacht greift Reiner Kunze den antiken Mythos auf - und verlegt ihn ins Diesseits: Wir dürfen noch zu ende leben / unter bäumen (eine neuerliche Variante zu den Baumgedichten von Brecht und Celan).
Die Stunde naht. Was bleibt noch an Zeit? An den Bäumen, an der Linde liest es der Dichter ab - und sie beschenkt ihn noch einmal mit ihrer Blütenpracht. Reiner Kunzes Gedichte spielen zwischen Leben und Tod, zwischen Lindenblüte und Nacht. Und da dem Dichter der die Welt verwandelnde Blick zu eigen ist, imaginiert er sich als einen die Sommerlinde hochkletternden Kleiber, dem noch einmal Hoffnung zufällt: das Wort himmelgrün.
Grün zählt zu den Farben der Kindheit, neben dem Blau des Himmels und dem Schwarz der Kohle. Wer das Ende bedenkt, erinnert sich der Anfänge. Kunze wurde 1933 im Erzgebirge geboren, als Bergarbeitersohn - in Zeiten der auf die weiße Wäsche niedergehenden Schlotasche, eingedenk der Schachttasche (instandgehalten / mit ahle und schusterzwirn), mit der Großvater und Vater zur Schicht gingen.
Kunze, in späteren Jahren von der DDR-Staatssicherheit verfolgt, räsonniert - in gut brechtscher Manier - über die bewohnbarkeit der welt. Der 1977 in die Bundesrepublik übergesiedelte, nahe Passau lebende Dichter weiß die Worte zu setzen wie kaum ein zweiter Lyriker der Gegenwart. Er geht behutsam mit ihnen um (bis hin zur philosophisch-paradoxen Verknappung), wissend um das millionenzüngige Gerede (Celan sprach vom hundertzüngigen Meingedicht).
Manche Gedichte haben nicht mehr als drei Zeilen. Sie kommen nahezu ohne Endreime und Großbuchstaben aus. Schule des Haiku heißt ein Gedicht, Altershaiku ein anderes:
Verzweifelt suchst du
nach dem namen der dinge
Die welt entfernt sich.
Das klingt wie eine Verkehrung Eichendorffs - er setzte auf das Zauberwort. Die Romantik ist der (Sprach-)Skepsis gewichen.
Und doch gelingen Kunze wunderbare, leicht verschattete Naturverse - wie Unwirklicher Maitag, dessen weißes Blütengewölk gefeiert und im weißen haar sogleich gebrochen wird - wie der Donaumorgen unterhalb von Passau, wie die Fahrt mit altem Meister. Wenig ist entbehrlich, so die Verse zu der von Kunze bekämpften Schreibreform. Der Dichter gedenkt im Vers, dem oft ein Motto, ein Zitat vorangeht, der Kollegen (Christine Lavant, Hermann Lenz, Camus); er zieht noch einmal seine Reisen nach (Finnland, Fernost). Gegen Ende häufen sich die Abgesänge:
Wir sind der toten
kurzes ewiges leben.
Reiner Kunze: lindennacht Gedichte, S. Fischer Verlag, 111 Seiten, 17,90 Euro.
[Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - Rezension von Günter Ott, erschienen in: Augsburger Allgemeine Zeitung vom 26. September 2007]

