Johannes Bobrowski

Stimmen aus dem Schattenland

"Ich war der Wind/ und unablässige Rede / drunten des Stroms"(Johannes Bobrowski)

Johannes Bobrowski Heimat Landschaft vom Berg Rombinus mit Blick auf Memel Foto Wikimedia Literatur-Schreibnacht Unternehmen Lyrik
Bobrowskis Landschaft: Blick vom Berg Rombinus auf die Memel in Richtung Tilsit | Quelle: © Rimantas Lazdynas [Wikimedia]

Johannes Bobrowski als einen Naturdichter zu bezeichnen - dagegen hat sich der Lyriker zeitlebens gewehrt. Er wollte sich nicht in die Nähe der Idylle gerückt sehen. Dennoch: Seine Gedichte leben von den intensiven Bildern seiner Heimat.

Mit allen Sinnen vergegenwärtigte der 1917 in Tilsit geborene Dichter die Landschaft am Memellauf durch Ostpreußen. Doch er gestaltete mit ihr einen Erinnerungsraum, der weit zurückreicht in ein archetypisches "Sarmatien".

Die Landschaft als "Erinnerungsraum"

Es ging dem Dichter um die Herausforderung, Deutscher in Osteuropa zu sein. Er nannte es sein "Generalthema", die Verstrickungen aufzuzeigen, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg und viel früher schon seit dem Mittelalter ergeben hatten, als der Deutschritterorden die Ostgebiete eroberte:

"Ich befasse mich, nach meiner Ansicht, mit dem Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarvölkern. Ich benenne also Verschuldungen - der Deutschen - und versuche, Neigung zu erwecken zu den Litauern, Russen, Polen usw."

Diese Vielstimmigkeit der unterschiedlichen Völker, auch mit teils jüdischer Tradition, ist in seinen Texten deutlich zu vernehmen. Spürbar ist dabei auch die Bedrohung: "Später, durchs Dornicht am Schilfsee, / fuhr die Silberrassel der Angst. [...] Es traten die Männer/ herein, sie riefen den Hunden / über die Schulter zu", heißt es in seinem Gedicht "Kindheit".

Biografische Stationen und Einflüsse

1928 - nach zwischenzeitlichem Wohnsitz in Graudenz und Rastenburg - siedelte die Familie nach Königsberg über. In der Geburtsstadt Kants (1724-1804) kam Bobrowski mit dem Aufklärungsgedanken bereits in der Schulzeit in Berührung. Doch die Schriften Johann Georg Hamanns (1730-1788) prägten sein Denken anhaltender.

Johann Georg Hamann, Klopstock und Hölderlin als Wegbereiter Bobrowskis

Nach einem christlichen Erweckungserlebnis setzte Hamann sein Bekenntnis zum Glauben der bloßen Vernunft der Aufklärer entgegen. Es machte ihn zum Kritiker dieser Bewegung, auch wenn er ihr ursprünglich selbst angehört hatte. Hamann befürwortete die göttliche Schöpfung und betonte das Empfinden. Nur in der Einheit von Denken und Sinnlichkeit sei Welterfahrung möglich, der Rückbezug auf den Glauben sei unumgänglich.

Die zahlreichen Verweise auf biblische Motive in Bobrowskis späterem Werk haben in dieser Vorbildung ihren Nährboden. Aus der Reihe der Dichterahnen kamen als Wegbereiter - in Empfindsamkeit und Gefühlsausdruck kaum verwunderlich - Klopstock und Hölderlin hinzu.

Johannes Bobrowski als Lektor in Ostberlin

Nach dem Abitur 1937 folgten Miltärpflicht, dann bis 1945 der Kriegseinsatz überwiegend im Osten. Bobrowski geriet in Sowjetische Gefangenschaft, aus der er 1949 nach Ostberlin entlassen wurde. Durch sein christliches Bekennertum bewahrte sich der Dichteri, er hatte  während der Gefangenschaft (sich später davon distanzierend) erste Oden veröffentlicht, einen Spielraum im politischen Umfeld.

Als Lektor im Altberliner Kinderbuch-Verlag Lucie Groszer  betreute Bobrowski unter anderem Gustav Schwabs "Die Schönsten Sagen des Klassischen Altertums", bis er 1959 zum Union Verlag wechselt, der der CDU nahestand.

Dichter-Erfolg in Ost und West

1955 wandte sich Bobrowski bereits an Peter Huchel und bat um die Veröffentlichung einiger Gedichte in  "Sinn und Form". Fünf Texte wurden in der Zeitschrift gedruckt und waren Auftakt weiterer Publikationen.

In westlichen Magazinen bisher zurückgewiesen, erschienen ab 1960 erste Gedichte Bobrowskis auch in der BRD. Der Durchbruch in beiden deutschen Staaten gelang mit dem ersten Gedichtband "Sarmatische Zeit" - im Februar 1961 zunächst im Westen, dann mit Verzögerung im Herbst auch im Osten. Weitere Lyrikbände folgten, zudem Auszeichnungen wie 1962 der Preis der Gruppe 47.

Zerrissen im Ansturm des Erfolgs

Christoph Meckel zeichnete in seinem Erinnerungsband ein aufschlussreiches Porträt des mit ihm befreundeten Dichters. Bobrowski vom ihn überrollenden Erfolg, von Lesungen und steten Besuchern überlastet, wollte es allen recht machen und geriet in innere Bedrängnis. Selbstentfremdung und Trunksucht waren die Folge.

Dem Westen gegenüber verhielt sich Johannes Bobrowski argwöhnisch, inwieweit man ihn politisch vereinnahmen wollte. Von den eigenen Kulturfunktionären wurde er zunehmend hofiert und doch zugleich observiert. In dieser Zerrissenheit versuchte Bobrowski neben Beruf und Familie, neben seinen Gedichten auch sein Prosawerk voranzutreiben.Am Tag nach Abschluss seines Romans "Litauische Claviere" wurde er mit einem Blinddarmdurchbruch ins Krankenhaus gebracht und starb einen Monat später am 2. September 1965.

Annäherungen an Johannes Bobrowski als Ziel der Literatur-Schreibnacht

In nahezu herablassenden Kommentaren verurteilte Bobrowski Paul Celans Gedichte und dessen Suche nach einer neuen Sprache. Dabei verfolgte er selbst, wenngleich aus anderer Perspektive, genau dieses Ziel. Seine "sarmatische Dichtung" sollte -  zwar träumerisch und rückwärtsgewandt - eine Utopie entwerfen, in der die ursprünglich angesiedelten Völker wieder die eigene Stimme erheben.

"[...] der eigene Kosmos in einer Kapsel aus Sprache" (Christoph Meckel) - eine solche Authentizität beim Schreiben war für Johannes Bobrowski der Schlüssel zum gelungenen Werk. Dichter und Text, Absicht und Verwirklichung sollten dabei ineinander aufgehen.

Schreibimpulse, die Sie aus der Auseinandersetzung mit Johannes Bobrowski gewinnen können

Johannes Bobrowski sah seinen Platz "zwischen allen Stühlen". Traditionsgebunden und doch modern, zeitgenössisch und doch keiner Stilrichtung zuzuordnen - in dieser Ambivalenz macht der Lyriker Mut, dem eigenen Wahrheitsanspruch beim Dichten zu folgen.

Seine Gedichte geben darüber Auskunft, wie Sie sich diesem Ziel annähern können. Im Zentrum der Literatur-Schreibnacht stehen daher vor allem die folgenden Fragen, um Ihrem Dichten neue Blickwinkel zu eröffnen:

  • Wie sieht die von Johannes Bobrowski vorgestellte Landschaft aus?
  • Welche Bildmotive lassen sie so lebendig und sinnlich erscheinen?
  • Welche stilistischen Verfahren  verhindern die idyllische Vereinnahmung und verursachen genau die Brüche, die den Erinnerungsraum in den Vordergrund rücken?

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