Rolf Dieter Brinkmann

Das Konzept befreiter Wahrnehmung

"Ich mache ein Foto." (Rolf Dieter Brinkmann)

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Rolf Dieter Brinkmann war 35 Jahre alt, als er 1975 in London beim Überqueren der Straße von einem Lieferauto erfasst wurde. 1972 war er Stipendiat in der Villa Massimo in Rom. 1974 folgte er einer Einladung an das German Department der Universität Austin, Texas. Posthum wurde ihm im Todesjahr der Petrarca-Preis verliehen. Es liegen neben Roman und Erzählungen, neben Übersetzungen und Hörfunkarbeiten zehn Gedichtbände vor.

Mit solcher Publikations- und Erfolgsliste zu beginnen, ist nicht unbedingt im Sinn des Dichters. Er wollte den Literaturbetrieb - er sprach von der "Angstszene Kultur" - sprengen und trug seinerzeit auch dazu beit. Brinkmann galt als Provokateur, seine Wut gegen die bundesrepublikanische Gesellschaft der 1960er und 1970er Jahre drückte er nicht nur in seinem Schreiben aus. Er störte Lesungen von Kollegen, beschimpfte Kritiker und wurde mitunter sogar handgreiflich.

Dieter Wellershoff begleitete den Autor in den Anfängen als Lektor. Für ihn war Brinkmann von inneren Widersprüchen zerrissen, die aus einer "tiefen Unsicherheit" resultierten: "Manchmal hatte man den Eindruck, es mit zwei grundverschiedenen Menschen zu tun zu haben. Er konnte liebenswürdig, intuitiv und anregend sein […] und wenige Zeit danach scheinbar grundlos in besinnungslose Aggression verfallen."

Entfremdung und Alleinsein als Grundsituation

Bernd Witte, ein Mitschüler Brinkmanns im provinziellen Vechta, führt vieles im Verhalten des Dichters auf die Atmosphäre der Heimatstadt zurück: "Da, wo Brinkmann aufwuchs, ging es wie im Mittelalter zu".
Schon früh war Brinkmann Außenseiter. Er blieb es wohl zeit seines Lebens, ob in Köln, wohin er 1962 nach seiner Buchhändlerlehre in Essen (1959) zog, oder an späteren Orten wie Rom.  

"Hier sitze ich, an der Schreibmaschine, und schlage Wörter auf das Papier, allein, in einem kleinen engen Mittelzimmer einer Altbauwohnung in der Stadt. Es ist Samstagnachmittag, es ist Sonntag, es ist Montag, es ist Dienstagmorgen, es ist Mittwoch, es ist Donnerstag, es ist Freitagnachmittag, es ist Samstag und Sonntag." So schreibt Rolf Dieter Brinkmann in seinem letzten Lyrikband "Westwärts 1 & 2". Ähnlich heißt es in einem  Gedicht: "Ich rede mit mir selbst, tanze, fluche, allein, da".

Das Verhältnis von Leben und Schreiben

Rolf Dieter Brinkmann erscheint weniger als Dichter denn als "Dokumentarist seines Lebens" (Jonas Engelmann). "Man kann so soviel besseres machen, als beispielsweise lange an einem Gedicht herumzubosseln – in der Stadt herumgehen, Zeitung lesen, ins Kino gehen, ficken, in der Nase bohren, Schallplatten hören, mit Leuten dumm herumreden [...]", kommentiert der Lyriker sein Gedicht "Vanille".

Brinkmann schreibt spontan, nimmt Eindrücke auf und notiert sie als Reihe von Beobachtungen. "Ich bin nicht an Methoden interessiert. Ich bin am Experiment meiner Wahrnehmung interessiert".
Oft ist es die unbeschönigte Lebenserfahrung, die sich in seinen Texten ausdrückt und die zum Schock gereicht. Im Schlüsselgedicht "Selbstbildnis im Supermarkt" ist es die Spiegelung in einer Fensterscheibe, die wie in einem Riss die Selbstwahrnehmung und Entfremdung gewahr macht.

Schnappschüsse oder die Empfindlichkeit eines Augenblicks

Als Fotograf und Amateurfilmer spricht Rolf Dieter Brinkmann von "Schnappschüssen", die die "Empfindlichkeit" eines Augenblicks festhalten. Es geht dem Autor um eine neue Funktion der Literatur. Die Sprache soll unmittelbar auf die sinnliche Erfahrung im Alltag reagieren. Das Gedicht wird dadurch zu einer Momentaufnahme, in der sich gleichzeitig erfasste Vorgänge und Bewegungen verdichten.

So wie beim Autor der Prozess des Schreibens in den Vordergrund rückt, ist - gleichgestellt - auch der Leser gefordert. Auc er soll sich bei der Lektüre der vielschichtigen Eindrücke, die in diesem Moment auf ihn einströmen, bewusst zu werden.
Dass das Bild nie in Gänze zu fassen ist, weiß Brinkmann. Doch es sind Schritte hin zu einer befreiten Wahrnehmung: "Vielleicht ist mir aber manchmal gelungen, die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus".

Popkultur und amerikanische Vorbilder

"Der ganze Irrsinn der New Yorker Pop Art, der ganze Warholscheiß, ich meine die aufgeputzten Mumien, das ist doch nur noch Historie! Und ist von Anfang an Historie gewesen, wie eben alte Ruinen, die aufgeputzt werden und angestrahlt, z.B. in Rom."
Auch wenn Brinkmann in seinem posthum erschienenen Arbeitsjournal "Rom, Blicke" (1979) die frühere Hinwendung zur Popkultur zurücknahm, belebten diese Einflüsse in den 1960er Jahren gerade sein Schreiben. Sie öffneten es für neue Verfahren.

Insbesondere die New Yorker Lyrikgruppe, voran Frank O’Hara und Ron Padgett, begeisterten ihn. In zwei Anthologien - "Acid" (1968, zusammen mit Ralf-Rainer Rygulla) und "Silver Screen" (1969) - gab Brinkmann als Übersetzer und Herausgeber der Popkultur breiten Raum: Gedichte, Tagebuchtexte, Fotos bis hin zu Pornografie zeigten, was und dass alles möglich war.

Der spielerische Umgang mit Sprache und Material kam zwangsläufig im eigenen Lyrikband "Die Piloten" (1968) zum Tragen: "Der nackte Fuß von Ava Gardner", "Eine übergroße Photographie von Liz Taylor" lauten zwei Gedichttitel.
Der Bezug auf Film, auf die Abfolge einzelner Bilder führte nicht nur zur Montage mit Fotos und graphischen Elementen. Die Bewegung griff mit Enjambements, Einrückungen, Stufungen auch auf  Zeilenbau und Wortsetzung über. Der ins Zentrum gerückte Fuß einer Schauspielerin veränderte den Blickwinkel, der sich nicht mehr am Starkult orientiere, sondern Triviales einfing.

Rolf Dieter Brinkmann - als "Herausforderung" dieser Schreibnacht

"Mit Brinkmann kann man nicht schnell fertig werden. Dieser Brocken ist viel zu sperrig, um seiner in distinktiven Analyseschritten habhaft werden zu können." (Gunter Geduldig)

In dieser Schreibnacht geht es daher ums Experimentieren, um Annäherungen. Der produktive Zugang eröffnet Möglichkeiten. Rolf Dieter Brinkmanns Lyrikkonzeption spräche zumindest dafür, als Rezipient/innen seiner Gedichte ins eigene Handeln zu kommen.

Als Gewinn dieser Herausforderung

  • intensiviert sich Ihre Wahrnehmung
  • lernen Sie ein poetisches Verfahren der "Verdichtung"
  • und betreten sicher dichterisches Neuland

Mut also zum Aufbruch!

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