Johannes Bobrowski

Stimmen aus dem Schattenland

"Ich war der Wind / und unablässige Rede / drunten des Stroms" (Johannes Bobrowski)

Der Blick vom Berg Rombinus auf die Memel in Richtung Tilsit: Mit allen Sinnen vergegenwärtigte Johannes Bobrowski in seinem Werk die ihm vertraute Landschaft am Memellauf durch Ostpreußen.

Der in Tilsit geborene Dichter gestaltete einen Erinnerungsraum, der weit zurückreicht in ein archetypisches "Sarmatien". Es ging ihm um die Herausforderung, Deutscher in Osteuropa zu sein. Er nannte es sein "Generalthema".

Die Landschaft als "Erinnerungsraum"

Bobrowski wollte die Verstrickungen aufzeigen, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg und viel früher schon seit dem Mittelalter ergeben hatten, als der Deutschritterorden die Ostgebiete eroberte: "Ich befasse mich, nach meiner Ansicht, mit dem Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarvölkern. Ich benenne also Verschuldungen - der Deutschen - und versuche, Neigung zu erwecken zu den Litauern, Russen, Polen usw."

Diese Vielstimmigkeit der unterschiedlichen Völker, auch mit teils jüdischer Tradition, ist in den Texten deutlich zu vernehmen. Spürbar ist in ihnen auch die Bedrohung: "Später, durchs Dornicht am Schilfsee, / fuhr die Silberrassel der Angst. [...] Es traten die Männer/ herein, sie riefen den Hunden / über die Schulter zu", heißt es in seinem Gedicht "Kindheit".

Johann Georg Hamann, Klopstock und Hölderlin als Wegbereiter Bobrowskis

Durch den Umzug der Familie nach Königsberg (1928) kam Bobrowski in der Geburtsstadt Immanuel Kants (1724-1804) bereits als Schüler mit dem Aufklärungsgedanken in Berührung. Vor allem die Schriften Johann Georg Hamanns (1730-1788) prägten Bobrowskis Denken.

Denn Hamann hatte nach einem christlichen Erweckungserlebnis sein Bekenntnis zum Glauben der bloßen Vernunft der Aufklärer entgegengesetzt: Er befürwortete die göttliche Schöpfung und betonte das Empfinden. Nur in der Einheit von Denken und Sinnlichkeit, so der Philosoph, sei Welterfahrung möglich, der Rückbezug auf den Glauben sei unumgänglich.

Die zahlreichen Verweise auf biblische Motive in Bobrowskis späterem Werk haben in dieser Vorbildung ihren Nährboden. Aus der Reihe der Dichterahnen stechen als Wegbereiter - in Empfindsamkeit und Gefühlsausdruck kaum verwunderlich - Klopstock und Hölderlin heraus.

Dichter-Erfolg in Ost und West

Nach dem Abitur folgten Miltärpflicht, dann bis 1945 der Kriegseinsatz überwiegend im Osten. Bobrowski geriet in Sowjetische Gefangenschaft, aus der er 1949 nach Ostberlin entlassen wurde. Durch sein christliches Bekennertum bewahrte er sich einen Spielraum im politischen Umfeld. Er arbeitete zunächst als Lektor im Altberliner Kinderbuch-Verlag Lucie Groszer, wo er Gustav Schwabs "Die Schönsten Sagen des Klassischen Altertums" herausgab.

Bereits 1955 wandte sich Bobrowski an Peter Huchel und bat um die Veröffentlichung einiger Gedichte in "Sinn und Form". Fünf Texte wurden in der Zeitschrift gedruckt und waren Auftakt weiterer Publikationen.

In westlichen Magazinen bisher zurückgewiesen, erschienen ab 1960 erste Gedichte Bobrowskis auch in der BRD. Der Durchbruch in beiden deutschen Staaten gelang mit dem ersten Gedichtband "Sarmatische Zeit". Im Februar 1961 erschien das Buch zunächst im Westen, mit Verzögerung im Herbst im Osten. Weitere Lyrikbände folgten, zudem Auszeichnungen wie 1962 der Preis der "Gruppe 47".

Zerrissen im Ansturm des Erfolgs

Christoph Meckel zeichnet in seinem Erinnerungsband  [Amazon-Link] ein aufschlussreiches Porträt des mit ihm befreundeten Dichters. Bobrowski war vom ihn überrollenden Erfolg, von Lesungen und steten Besuchern überlastet. Er wollte es allen recht machen und geriet in innere Bedrängnis. Selbstentfremdung und Trunksucht waren die Folge.

Dem Westen gegenüber verhielt sich Johannes Bobrowski argwöhnisch, inwieweit man ihn politisch vereinnahmen wollte. Von den eigenen Kulturfunktionären wurde er zunehmend hofiert und doch zugleich observiert. In dieser Zerrissenheit versuchte Bobrowski neben Beruf und Familie, neben seinen Gedichten auch sein Prosawerk voranzutreiben. Am Tag nach Abschluss seines Romans "Litauische Claviere" wurde er mit einem Blinddarmdurchbruch ins Krankenhaus gebracht und starb einen Monat später am 2. September 1965.

Bobrowskis "Sarmatische Dichtung" als Utopie

In nahezu herablassenden Kommentaren verurteilte Bobrowski Paul Celans Gedichte und dessen Suche nach einer neuen Sprache. Dabei verfolgte er selbst, wenngleich aus anderer - rückwärtsgewandter - Perspektive, genau dieses Ziel. Seine "sarmatische Dichtung" sollte eine Utopie entwerfen, in der die ursprünglich angesiedelten Völker wieder die eigene Stimme erheben.

"[...] der eigene Kosmos in einer Kapsel aus Sprache" (Christoph Meckel) - eine solche Authentizität beim Schreiben war für Johannes Bobrowski der Schlüssel zum gelungenen Werk. Dichter und Text, Absicht und Verwirklichung sollten dabei ineinander aufgehen.

Ihr Gewinn fürs Schreiben

Johannes Bobrowski sah seinen Platz "zwischen allen Stühlen". Traditionsgebunden und doch modern, zeitgenössisch und doch keiner Stilrichtung zuzuordnen - in dieser Ambivalenz macht der Lyriker Mut, dem eigenen Wahrheitsanspruch beim Dichten zu folgen.

Seine Gedichte geben darüber Auskunft, wie Sie sich diesem Ziel annähern können. Im Zentrum der Literatur-Schreibnacht stehen daher vor allem die folgenden Fragen, um Ihrem Dichten neue Blickwinkel zu eröffnen:

  • Wie sieht die von Johannes Bobrowski vorgestellte Landschaft aus?
  • Welche Bildmotive lassen sie so lebendig und sinnlich erscheinen?
  • Welche stilistischen Verfahren  verhindern die idyllische Vereinnahmung und verursachen genau die Brüche, die den Erinnerungsraum in den Vordergrund rücken?