Auf poetischer Tauchstation

"Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen,/ Grüne Schuppen wuchsen auf mir voller Hast" (Günter Kunert)

Schreibnacht online | 30. Juli 2020

Das "tiefste deutsche Gedicht" stammt von Christian Morgenstern. Seine Fische lassen ihren Gesang nur noch zeichenhaft aufsteigen. Bei Friedrich Schillers "Taucher" tost es dagegen mächtig ans Leserohr: "und es wallet und siedet und brauset und zischt".

Ob der Seekönig über seiner Harfe sitzt (Joseph von Eichendorff), verlorene Städte auf dem Meeresgrund liegen (Heinrich Heine) oder ob Eduard Mörikes "Geister am Mummelsee" ins Wasser eintauchen, - das feuchte Element steht in der älteren Dichtung häufig auch für den Seelenbereich. Da locken Geheimnis und Zauber und mancher "Fischer" erliegt dem süßen Nixengesang (Johann Wolfgang Goethe).

Untertauchen und verschwinden

In der modernen Dichtung kann es auch ein Untertauchen in der Menschenmasse sein. Nicolas Born fragt nach dem Verhältnis des Einzelnen zur Menge, in Günter Eichs Verszeilen geht es um Rückzug, Karl Krolow und Christa Reinig rufen Robinson auf den Plan.

Den Sturz "ins bodenlose" führt ein Gedicht von Hans Arp vor. "Aufs Neue wieder Mensch zu werden" - das, so Günter Kunert, gelingt nur schwer, wenn man einmal Fisch war. Bert Brecht gibt den Rat, die eigenen Spuren sorgfältig zu verwischen.

Bei Gottfried Benn rückt schließlich der schöpferische Prozess in den Blick: Auch wenn die "weiße Perle" - als Bild für das vollendete Gedicht - wieder ins Meer zurückrollt, hat sich etwas ausgesondert, dessen Form bleibt. Die "Welle der Nacht" machte es möglich, dass ein Sandkorn, in einem flüchtigen Augenblick in die Muschel eingeschleust, in deren Innern seine Verwandlung begann.

Eintauchen in die Sprache und neue Bezüge finden!

Wie sieht nun Ihre poetische Tauchstation aus? Wie deuten Sie diesen Begriff? Gehen Sie auf Grund und bringen Sie Ihre Vorstellungen mit in die Schreibnacht! Ob Sie dabei "auf den Meeresboden" sinken oder/ und für den Abend tief in Ihren Gedichten "verschwinden", wird dem Thema in jedem Fall gerecht. Es geht darum, neue Blickwinkel zu erkunden und mit Bedeutungen zu spielen.

Zu diesem poetischen Abenteuer sind Sie am 30. Juli 2020 - ab 19 Uhr - herzlich eingeladen. Ich freue mich auf spannende Tauchgänge. Falls Sie noch organisatorische Details und Informationen zur Anmeldung brauchen, finden Sie diese auf der Startseite zur Schreibnacht.  Zur direkten Buchung geht es gleich hier:

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