Kitsch - wie viel verträgt ein Gedicht?

"Erzähl mir die Geweihe an die Wand" (Nora Bossong)

Schreibnacht online | 25. Februar 2021

Gartenzwerg, röhrender Hirsch, Urlaubskarten und Souvenirs, die die Erinnerung verklären - gegen manchen Kitsch sind wir gefeit. Mancher "muss" sein, selbst wenn es gegen den guten Geschmack spricht. Doch was ist Kitsch überhaupt - vor allem im Gedicht - und wie kommen wir zu unserem Urteil?

Viele sehen ihn als Schattenseite der Kunst. Dabei muss Kitsch nicht einmal schlechte Kunst sein, wie umgekehrt auch schlechte Kunst nicht sofort Schwulst und Pathos bedeuten. Ebenso wenig trifft diese voreingenommene Etikettierung generell auf die Trivialliteratur zu. Kitsch gilt vielmehr als ihre spezielle Spielart.

Zur falschen Zeit, am falschen Ort, mit falschem Material

Wie sieht es zudem mit der Distanz zu früheren Epochen aus? Im Rückblick wirkt oft überladen, was zur Zeit der Entstehung innovativ war. "Im Lenzen, da glänzen die blümigen Auen / Die Auen, die bauen die perlenen Tauen". Der Barockdichter Johann Klaj zeigt  in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, wie flexibel die deutsche Sprache im Gedicht einzusetzen ist. 

Ein halbes Jahrhundert später wird im Manierismus das Vergnügen am Wort noch üppiger: "Freuderfüller, Früchtebringer, vielbeglückter Jahreskoch, / Grünungs-, Blüh- und Zeitungsziel, werkbeseeltes Lustverlangen!" Catharina Regina von Greiffenberg stellt den Herbst in schillernden Perspektiven vor. Kitsch wäre es wohl nur, den früheren Stil einfach zu kopieren und in unseren Tagen ernsthaft in dieser Art dichten zu wollen.

Ästhetischer und sentimentaler Kitsch

"Die Nacht ist niedergangen; / die schwarzen Schleier hangen / nun über Busch und Haus". Ende des 19. Jahrhunderts lässt das "Abendlied" Otto Julius Bierbaums das gleichnamige Gedicht von Matthias Claudius anklingen und mischt Johann Wolfgang Goethes "Wanderers Nachtlied" dazu.

Das Ergebnis ist, so das Urteil des Literaturwissenschaftlers Hans Dieter Gelfert, "eine weiche, samtige Sprachhülse". Kitsch ist seiner Ansicht nach "nicht unzulängliche, sondern unehrliche Kunst." Denn Form und Aussage stimmen nicht überein. Eine der beiden Komponenten rückt in den Vordergrund und verselbstständigt sich auf Kosten der anderen.

In Bierbaums Gedicht schleicht sich mit der Formvorgabe ein Pathos ein, das den banalen Sinn zu überdecken sucht. Diesem ästhetischen Kitsch stellt Gelfert die sentimentale Spielart gegenüber, die ein belangloses Anliegen im zu groß angelegten Bogen aufbauscht. Das geschieht beispielsweise in den Versen von Carl Busse: "Ich möchte sterben, wenn in Stadt und Hag / Zu Ende geht ein lieber Frühlingstag."

Die vorgetäuschte Empfindung

Das Wort Kitsch taucht um 1870 in der Münchner Kunsthändlerszene als Begriff für billige und meist gefühlsbetonte Bilder auf, die damals den Markt überschwemmen. Als Massenproduktion zielen kitschige Werke auf Affekt, der jedoch rasch verpufft und daher die Übersteigerung braucht.

Die Sehnsucht nach Unschuld und Idylle tendiert einerseits zur Verniedlichung. Das Bedürfnis nach Geborgenheit in einem größeren Ganzen setzt andrerseits auf die Projektion patriotischer oder religiöser Erhabenheit. (Hans-Dieter Gelfert) In beiden Fällen bleibt "Kitsch […] Erfahrung aus zweiter Hand, vorgetäuschte Empfindung." (Clement Greenberg).

Auf die Haltung kommt es an - die ästhetische Dimension

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich die Einschätzung des Kitsches gewandelt. Nicht mehr das unumstößliche Gegeneinander von Kitsch und Kunst steht zur Debatte, sondern Kitsch ist selbst zu einer Stilrichtung der Kunst geworden.

"Jeder ist für Kitsch empfänglich, denn fast niemand kann sich den Reizen einfacher Weltbilder und eines vorgestellten Glücks entziehen", heißt es beim Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann. Für ihn gilt Kitschkunst nicht mehr als "falscher Ausdruck von falschen Bedürfnissen", sondern als "richtiger Ausdruck richtiger Bedürfnisse“. Die Suche nach Glaube, Liebe, Hoffnung und Schönheit steckten dahinter.

Entscheidend ist jedoch die Fähigkeit, Kitsch als solchen zu erkennen und ihn aus einer ironischen Distanz wahrzunehmen. Fehlt diese ästhetische Brechung kommt es zu einem naiven Genuss, der den vorgegebenen Gefühlswert bedenkenlos konsumiert.

Auf in die Schreibnacht!

Selbstverständlich geht es in der Lyrik-Schreibnacht nicht darum, Kitsch zu produzieren, sondern sich seiner ästhetischen Möglichkeiten bewusst(er) zu werden. "Erzähl mir die Geweihe an die Wand", dichtet Nora Bossong. Das Bild des röhrenden Hirschs als Prunkstück in der guten Stube hat ausgedient.

Die folgenden Fragen geben den roten Faden in der Schreibnacht vor:

  • Was ist für Sie kitschig und woran machen Sie Ihr Geschmacksurteil fest?
  • Wo sind Sie für Schwulst und falsche Erhabenheit anfällig und welches wahre Gefühl steckt hinter aller oberflächlichen Stimmung?
  • Welche Eigenschaften und Verfahren sind für Kitschobjekte gängig und wie lassen sie sich in entsprechender ästhetischer Brechung nutzen?

Kitsch oder Kunst? Am 25. Februar 2021 sind Sie ab 19 Uhr herzlich zur Antwort auf diese Frage eingeladen. Natürlich, indem Sie gleich themenrelevant Gedichte schreiben. Ich freue mich auf spannende Texte.

Falls Sie noch organisatorische Details und Informationen zur Anmeldung brauchen, finden Sie diese auf der Startseite zur Schreibnacht.  Zur direkten Buchung geht es gleich hier:

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