Im Spannungsfeld fremder Kulturen

Newsletter | Januar 2008

Liebe Leserinnen und Leser,

Erinnerung als notwendiges Element der Integration - Foto bunte Stecknadelköpfe bilden eine geschlossene Gruppe, ein roter Kopf als Aussenseiter -Depositphotos_36619237
© lanjusha | Depositphotos

mit seiner Erzählung "Die Morawische Nacht" [Amazon-Link] steht Peter Handke, gerade 65 Jahre alt geworden, derzeit hochgelobt im Rampenlicht. Ein "ganz traditionelles Stück, über die Kärntner Partisanen, aber mit weltweiter Gültigkeit" hat sich der Autor für 2008 vorgenommen.

Dass solcher Stoff Brisanz hat, da er ethnische Minderheiten betrifft, führt auch der Künstler Ernst Logar mit "Das Ende der Erinnerung - Kärntner PartisanInnen/ Konec spomina - koroške partizanke koroški partizani" vor Augen. Die Rauminstallation ist Ende Januar in Wien im Österreichischen Parlament, Palais Epstein zu sehen.

Ethnische Minderheit, Migration und "Culture Shock" als verschiedene Aspekte des Fremden sind - über den lyrischen Tellerrand hinaus - die Themen des heutigen Newsletters.

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre und schicke herzliche Grüße
Ihre
Michaela Didyk

PS: Die Rezension zu Hans Höllers Rowohlt-Monografie "Peter Handke", im letzten Newsletter vorgestellt, finden Sie inzwischen hier zum Lesen. Günter Ott hat die Besprechung freundlicherweie zur Verfügung gestellt.



"Das Ende der Erinnerung - Kärntner PartisanInnen"

Eine Rauminstallation von Ernst Logar

Der Küchentisch als Zentrum der Familie ist für den österreichischen Künstler Ernst Logar (*1965) der Ort, an dem zwischen den Generationen auch die Erinnerung weitergegeben wird. Am Küchentisch werden Familiengeschichten erzählt und diskutiert oder - nicht selten - auch gänzlich verschwiegen.

In seiner Rauminstallation, die in Kooperation mit dem österreichischen Parlament vom 29. Januar bis 2. Februar 2008 im Palais Epstein (Wien, Dr. Karl-Renner Ring 1, Di-Fr 12-16 Uhr) zu sehen ist, stellt Ernst Logar auf die Tische Monitore. Interviews laufen, die er mit Kärntner Partisanen und Partisaninnen führte und die dabei auch - als Minderheit im Land - von ihrem Leben als Kärntner SlowenInnen berichten.

Kriegserlebnisse, die Nachkriegsjahre bis zur heutigen Lebenssituation kommen zur Sprache.
Für Logar ist das - daher auch sein Titel "Das Ende der Erinnerung" - eine letzte Gelegenheit, der "Generation, die die Naziherrschaft selbst miterlebte, in die Augen zur schauen".

Der Umgang mit der eigenen Geschichte

Einen historisch korrekten Umgang mit der eigenen Geschichte, den Kärntner Partisan/innen wie Kärntner Slowen/innen gibt es nämlich bis heute in Kärnten noch nicht, obwohl von Historikern der Widerstandskampf der Partisan/innen als wichtigster Beitrag zur Niederringung des Nazi-Regimes bewertet wird. Nicht für die Freiheit Österreichs, sondern für ein kommunistisches Slowenien gekämpft zu haben, lautet der Vorwurf gegen sie.

Die Intention Ernst Logars ist es, die Verbindung zwischen der Vergangenheit und unserer Zeit herzustellen. Dass er dabei nicht nur der Erinnerung eine wichtige Rolle für unser heutiges Geschichtsbild zuweisen, sondern auch den Blick auf verdeckte Wunden lenken will, verrät bereits der Name pArtisan, unter den er sein künstlerisches Programm stellt.

Weitere Ausstellungsdetails finden Sie hier zum Herunterladen.


Aus zwei Sprachen gewebt: die Lyrik Róža Domašcynas

Auch Deutschland kennt ethnische Minderheiten, so die Sorben oder Wenden im heute sächsichen Ober- bzw. brandenburgischen Niederlausitz. Allen Eingliederungsversuchen seit 1400 Jahren zum Trotz bewahrten sie ihre Kultur und Sprache, die sich je nach Region mehr dem Tschechischen oder Polnischen annähert. Dennoch verringert sich der aktive Sprachgebrauch und ist teils vom Aussterben bedroht.

Róža Domašcyna (*1951) ist sorbische Lyrikerin und Übersetzerin. Wer das Glück hat, sie bei einer Lesung zu erleben, gewinnt, ohne die Texte zu verstehen, beim Vortrag der sorbischen Gedichte einen neuen Zugang zur Eindringlichkeit lyrischen Klangs. Im Einsatz beider Sprachen, der sorbischen wie deutschen, knüpft Domašcyna feine Netze, in denen das "Niemandsland" zwischen den Kulturen spürbar wird und Sehnen sich breitmacht:

"es ist ein geben zwischen wir und ihr / wir das ist jetzt und ihr ist kaum noch hier / wir das ist aufrecht ihr das ist schon krumm", heißt es in "zwischen gangbein und springbein" [Amazon-Link].

Das Spracherbe wachhalten

Natur und Liebe sind die beiden Themenbereiche der Dichterin, die 1989 ihren literarischen Durchbruch hatte und mehrfache Preisträgerin ist. So erhielt sie u.a. 1994 den Mörike-Förder-Preis, 1998 den Anna-Seghers-Preis und 2001 den Exil-P.E.N.-Literaturpreis.

Neben dem Schreiben eigener Lyrik versteht sie sich auch als Nachdichterin von Texten slawischer Sprachen."wendisch ist gestorben sagst du und speist / die worte mir ins gesicht daß es stumm wird / und silbe um silbe verschluckt die kinder/" (zwischen gangbein und springbein) - Róža Domašcyna hält in der ästhetischen Verbindung beider Sprachen das Erbe wach.

Weitere lohnenswerte Gedichtebände von Róža Domašcyna: "Selbstredend, selbzweit, selbdritt" oder jüngst "Stimmfaden" [beide Links führen zu Amazon].


"Culture Shock im Handgepäck"

Dagmar Bergs Buch über die "Psychologie des Kulturkreiswechsels"

Nicht ethnische Minderheiten hat Dagmar Berg im Visier, sondern den "Sojourner", den Reisenden, der für eine bestimmte Zeit - beruflich beispielsweise - im Ausland lebt, um später wieder in die Heimat zurückzukehren.

In ihrer Studie zeigt die Diplompsychologin aus Berlin, die bei ihren Aufenthalten in Peking, New York und Wien eigene themenspezifische Erfahrungen sammelte, die Problematik des "Culture Shock", der sich beim Wechsel des Kulturkreises schleichend einstellt und meist unerkannt zur Belastung bis hin zur ernsthaften Krise führt.


Der anfänglichen Euphorie in der Fremde und dem Optimismus, sich erfolgreich in der neuen Umgebung zurecht zu finden, folgt eine Phase der Ernüchterung. Die Unterschiede anstatt der vorherigen Gemeinsamkeiten kommen in den Blick. Die Kommunikation erscheint schwieriger, Ablehnung und Feindseligkeit gegenüber dem Gastland können sich sogar breitmachen.

Das Phänomen des "Culture Shock" aufdecken

Erst in einem dritten Schritt vollzieht sich die Anpassung. Die fremde Kultur wird vertrauter, feine Unterschiede werden beim Kontakt bewusster und eine Neuorientierung schließt sich an. Das Wohlgefühl in der vierten Phase macht offenkundig, dass dieser Eingewöhnungsprozess geglückt ist. Selbstsicherheit und soziale Kompetenz sind wieder verfügbar, Selbstwahrnehmung und Rückmeldung in der Kommunikation entsprechen sich nun auch in der Fremde.

Die Zusammenhänge aufzudecken und das Phänomen des "Culture Shock" bekannter zu machen, ist das eine Anliegen der Autorin. Mit Hilfe "narrativer Prinzipien" zeigt sie zugleich aber auch einen Weg auf, den Betroffenen in seiner Sinnkrise zu begleiten. 

Durch Erzählen Einfluss auf innere Prozesse nehmen

"Indem er seine Geschichte erzählen kann, wird er Teile seines Lebens zusammenfügen und seine Erfahrungen so strukturieren, dass sie in einen Sinnzusammenhang mit seiner jetzigen Situation gebracht werden können. [...] Durch die Funktion des Narrativen kann der Kern des Culture Shock-Geschehens, bei dem Gewohntes vermisst wird und Unerwartetes verstanden werden muss, in einer Weise erreicht werden, die dem Ratsuchenden das Gefühl vermitteln kann, auf Verständnis und Klarheit zu stoßen."

Erzählen erweist sich als Werkzeug, über Erinnerung und Selbstreflexion auf innere Prozesse Einfluss zu nehmen. Dagmar Bergs Buch "Culture Shock im Handgepäck: Psychologie des Kulturkreiswechsels" [Amazon-Link] ist keine literaturspezifische Lektüre, wie sie im Newsletter zu erwarten wäre. Der Band ist jedoch ein grundlegendes Kapitel für all die, die im interkulturellen Bereich arbeiten und darin "zuhause" sind.


Zeitschriften mit einem Blick auf die Welt: "Die Brücke" und "Lettre"

Zwei Zeitschriften können das heutige Thema runden. Kämpferisch gibt sich Die Brücke, die sich seit 19 Jahren als "Forum für antirassistische Politik und Kultur" für Migranten stark macht und ihre Integration fordert und unterstützt.

Menschenrechte, neue Völkerwanderungen, Armut und Völkerverständigung, Islamismus und Fundamentalismus in Europa sind Themen, die das Magazin als Sprachrohr des gleichnamigen Vereins nicht nur immer wieder zur Diskussion stellt, sondern auch mit Aktionen - beispielsweise 1985 mit den "Tagen der Einwanderer" - im allgemeinen Bewusstsein verankern will.

Necati Mert als verantwortlicher Redakteur bezieht vehement Position. Neben philosophischen Visionen und politischen Analysen, Reportagen und Porträts hat stets auch "die Lyrik als Vorreiterin in eine bessere Welt ihren festen Platz."

Über Kunst und Ästhetik in einen Dialog kommen

Lettre international versteht sich als "interdisziplinäres intellektuelles Forum" ohne Verpflichtung auf eine politische Programmatik. Die Offenheit des Dialogs zu fördern, indem brisante, aber auch verdeckte Themen aus den unterschiedlichen Blickwinkeln internationaler Autoren zusammenkommen, ist Ziel.

Genauso aber ist es Wunsch, "Spiegel" zu sein "von Veränderung, ein Seismograph der Welt in ihrer Zersplitterung und dem Zusammenspiel ihrer Kulturen, ihrer Architekturen und ihren Erschütterungen". Auch in Lettre hat die Kunst ihren Stellenwert. Jedes Heft wird exklusiv von einem Künstler gestaltet.


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Verantwortlich im Sinn des Presserechts: Michaela Didyk M.A.