"Einmal muß das Fest ja kommen" - eine Hommage auf Sappho

Newsletter Nr. 38 | Juli 2014

Sappho auf Fresko aus Pompeji
Sapphos "Porträt" in Pompeji

Liebe Leserinnen und Leser,

nach langer Pause erscheint der Newsletter in frischer Aufmachung und als Hommage an Sappho. Ganz im Sinn Ingeborg Bachmanns kann also "das Fest kommen". Sie hatte nämlich den im Titel zitierten Satz bei ihrer Ankunft auf Capri ausgerufen.
Gärten, vielleicht sogar auf griechischer Insel und mit Liebesgedichten - schließlich die Einladung zu einer speziellen Dinner Party - das passt nicht nur zur Poesie, sondern auch zum Sommer und seiner Fülle.

Viel Spaß bei der Lektüre wünscht
Michaela Didyk



Sapphos Gedichte - neu übersetzt von Albert von Schirnding

Zurück zu den Anfängen. Eine "zehnte Muse" nennt Platon die griechische Dichterin Sappho (um 630 bis 570), von deren Werk nur etwa sieben Prozent - und auch dieser Anteil überwiegend in Fragmenten - erhalten ist. Noch einmal zurück auch zu den Ursprüngen der Sprache. Welcher Gewinn liegt in den vielfachen Übersetzungen, die Sapphos Verse seit Jahrtausenden mit jeder Übertragung zugleich deuten?

Als Albert von Schirnding vergangenen März im Lyrik-Kabinett seinen Band vorstellte, machte er an einem Beispielgedicht die Gratwanderung eines Übersetzers deutlich. "Gesunken ist Selanna, / sind die Plejaden. Mitter- / nacht, vorüber die Stunde. / Und ich schlafe allein."

Die vier Zeilen des vollständig erhaltenen Textes sind im Griechischen kunstvoll ineinander verzahnt. Gefühle des lyrischen Ichs lassen sich hineininterpretieren (und erscheinen in mancher alten Übersetzung als "ach" und "weh"). Doch die Verse stellen zunächst einmal nur den nächtlichen Zeitrahmen vor, in den sich das Ich einordnet.
Selanna - Schirnding lässt mit dem klangvollen Namen das Wort für Mond unübersetzt - und die Plejaden, Mitternacht, Stunde - im absteigenden Bogen spitzt alles sich auf das sprechende Ich der Schlusszeile zu, dessen Situation im Kontrast umso größeres Gewicht erhält.

Am Beispiel der Sappho und ihren Gedicht-Übersetzungen für das eigene Schreiben lernen

Im Nachvollzug, auch Vergleich unterschiedlicher Übersetzungen, wächst das eigene Sprachbewusstsein. Gleichzeitig setzt die genaue Arbeit am Text vorschnellen Zuschreibungen Grenzen. Auch dafür bietet Sappho ausreichend Gelegenheit. Über Jahrhunderte, obgleich wenige Lebensdaten / -ereignisse gesichert sind, entweder moralisch verurteilt oder als Liebende idealisiert, fordert die Annäherung an sie und ihre Dichtung auch eine Reflexion lyrischer Gegebenheiten.
Mit Sappho und ihrem Zeitgenossen Alkaios mag sich in den Gedichten zwar ein Ich subjektiv(er) zu artikulieren beginnen. Doch die Texte bleiben in eine Gebrauchssituation eingebettet. Sie sind an Riten geknüpft, Bestandteil von Festen. Zusammen mit Musik und Tanz sind sie für das Kollektiv bestimmt und vom Erlebnisgedicht eines für sich sprechenden Ich weit entfernt.


Drei Schreibnächte für den geselligen Austausch

Liebesgedichte, Sommergärten und  Ingeborg Bachmanns lyrisches Werk

Die Schreibnächte an jedem letzten Donnerstag eines Monats

Austausch und Feedback sind beim Dichten wichtig. Oft fehlt die Zeit für ein Treffen mit Autorenkolleg/innen oder sie wohnen sowieso viel zu weit entfernt. Online lässt sich das gesellige Schreiben gut organisieren. Zum Beispiel in den Schreibnächten, in denen es sich - in kleiner Forumsgruppe - einen Abend lang miteinander dichten lässt.
Drei Lyrikimpulse zu speziellem Thema bieten jeweils die Basis für das "gesellige Schreiben", bei dem zwar Verse geschmiedet und gehämmert werden, der Spaß jedoch nicht verloren gehen soll.
Anregungen, um über den eigenen Tellerrand zu schauen, neue Motive oder Gestaltungsmöglichkeiten zu entdecken, sich in Flow zu versetzen und gegenseitig zu inspirieren - das gibt es einmal im Monat (und ab August wieder wie gewohnt) an jedem letzten Donnerstag zwischen 19 und 23 Uhr.

Die speziellen Literatur-Schreibnächte mit dem Porträt einer Dichterin oder eines Dichters

Zweimal im Jahr stellen dagegen die speziellen Literatur-Schreibnächte bekannte Dichter/innen mit ihrem Werk vor.
Am 13. August steht Ingeborg Bachmann im Mittelpunkt. Wie sie im männlich dominierten Literaturbetrieb der 1950er und 1960er Jahre ihren Erfolg bahnte und ihren Traum freier Schriftsteller-Existenz verwirklichte, kann möglicherweise auch Ihren Weg in die Öffentlichkeit motivieren.
Gewinn für Ihr Dichten bringt zudem der Blick auf Bachmanns Verfremdungs-Techniken. Obwohl häufig persönliche Ereignisse zum Ausgangspunkt ihrer Texte werden, ist dieser "Stoff" stark gefiltert und ästhetisch verschlüsselt - das A & O eines jeden Gedichts.

Die kommenden Schreibnacht-Termine

Wie die Schreibnächte im online Forum ablaufen, finden Sie im Detail hier erläutert. Als Voraussetzung zur Teilnahme benötigen Sie lediglich einen PC oder Laptop mit Internetanschluss.
Zu den aktuellen Schreibnächten führen die folgenden Links. Nach den aktuellen Terminen finden Sie die Themen auch in den Schreibnacht-Inspirationen.

Schreibnächte am Di., 22. Juli und Do., 28. August:
Stimmung für Liebesgedichte
Sommergärten
Literatur-Schreibnacht am 13. August:
Ingeborg Bachmann - "Einmal muß das Fest ja kommen!"


Dichten im Kontakt zur Muse

Sommer und die Fülle der Umsetzung

Die Werkstatt-Reihe "Im Kontakt zur Muse" nimmt sich der "dichterischen Persönlichkeit" an. Bei meinen Lektoraten merke ich häufig, dass die Arbeit am Text an sich nur einen Teilaspekt ausmacht. Mut zuzusprechen, zu motivieren, bei Buchkonzepten und Lesungen Schützenhilfe zu geben oder auch Projekte über einen längeren Zeitraum zu begleiten, sind oft die viel wichtigeren "Nebenerscheinungen".
Im Einzelcoaching oder in der Kleingruppe der Musenseminare steht daher das dichterische Potenzial, und wie es genutzt und ausgebaut werden kann, im Fokus. Mit Hilfe schamanischer Arbeitsweisen und moderner Coaching-Methoden lassen sich Blockaden und Hindernisse angehen, Ziele definieren und Pläne für die Umsetzung entwickeln.

In der Sommer-Werkstatt liegt der Schwerpunkt vor allem auf dem "Ausreifen" und "Erden" von Vorhaben, egal ob es bereits laufende Projekte sind oder Schreibideen, die auf neuer Ebene konkreter werden sollen. Ausdauer und Durchhaltevermögen, Kraftreserven und Eigenmotivation, Entscheidungsstrategien und Handlungsalternativen sind beim Dichten wie Veröffentlichen notwendig. Buchträume brauchen genauso wie die Organisation von Veranstaltungen einen langen Atem. Dafür regelmäßig auch das eigene Schreiben zu reflektieren, um ihm einen weiteren Rahmen zu geben, setzt die Schubkraft für Taten frei.
Vom 30. August bis 1. September lassen sich in der Musen-Werkstatt in Lindenbühl nahe St. Gallen Selbstbewusstsein und Kraft bündeln, damit Sie im Herbst reiche "Ernte einfahren".

Dichten im Kontakt zur Muse. Die Fülle der Umsetzung - Sommer-Werkstatt


Sappho auf Besuch in Brooklyn: Judy Chicagos "The Dinner Party"

Mit einem Ausflug in die Kunst schließt sich der Bogen zu Sappho. In Judy Chicagos Monumentalkunstwerk "The Dinner Party", das die 1939 geborene Künstlerin 1038 berühmten beziehungsweise aus der Mythologie bekannten Frauen quer durch die Jahrtausende gewidmet hat, ist auch die griechische Dichterin unter den "Gästen".

Auf einer dreieckigen Tafel - als altes Symbol der Göttin und Frau sowie der Vulva - liegen 39 Gedecke für dreimal 13 Repräsentantinnen. Diesen ist jeweils eine Gruppe der 999 Frauen zugeordnet, deren Namen auf dem Boden im Innern der Tischanlage geschrieben stehen.
Sappho ist als Zehnte des ersten Tischflügels platziert, der mit der Großen Göttin in Urzeit beginnt und - den Niedergang weiblichen Einflusses zeigend - bis Hypatia (um 355 bis 415/416) reicht. Die Mathematikerin und Philosophin aus Alexandria wurde in einen politischen Machtkampf verwickelt und von einer aufgebrachten Christenmenge grausam ermordet. Die zweite Tischseite setzt die "dunklen Zeiten" weiblicher Unterdrückung durch Kirche und Glaubensgemeinschaften fort. Auf der dritten Seite reihen sich Vertreterinnen der amerikanischen und feministischen Revolution; die Malerin Georgia O’Keeffe beschließt die "Runde".

Judy Chicagos Kunstwerk, zwischen 1974 und 1979 entstanden, ist nicht unumstritten - wohl auch wegen des feministischen Ansatzes, der Sexualität nicht scheut und schnell "plakativ" wirken mag. Denn jeder Teller ist mit einer mehr oder weniger erkennbaren Vulva bemalt. Doch Chicagos "Dinner Party" gewinnt  politische Dimension, wenn man sich auf die Vielschichtigkeit ihrer Symbolsprache einlässt und eine Geschichte der Gleichheit und (sexuellen) Freiheit entwirft.
Diese käme sicherlich auch Sappho zugute, die in ihrem Liebesverlangen nach den ihr anvertrauten Mädchen so häufig als sittenlos verurteilt wird, während Sokrates (stellvertretend für sein Geschlecht) inmitten seiner Jünglingsschar unangefochten bleibt.

Judy Chicago [Seite der Künstlerin]
The Dinner Party [Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art | Brooklyn Museum]


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