Kreative Spielarten der Lyrik

Newsletter Nr. 41 | Mai 2016

Kreative Spielarten | Foto mit Kirschblüten als Autakt zu Frühling und Sinneswahrnehmung

Liebe Leserinnen und Leser,  

"Du mußt mit dem Obstbaum reden", rät Hilde Domin in ihrem Gedicht "Linguistik". In der Blütenfülle des Mai fällt das nicht schwer. Lassen Sie sich daher von der Schöpferkraft der Natur anstecken und packen Sie mit Schwung Ihre lyrischen Vorhaben an.

Probieren Sie beim Schreiben, beim Publizieren, im Austausch mit Autor/innen, vielleicht auch in Ihrer Schreibwerkstatt Neues aus - einige kreative Spielarten stelle ich Ihnen im Newsletter vor.

Viel Vergnügen bei der Lektüre (mehr noch bei aller Umsetzung) und
herzliche Grüße

Ihre
Michaela Didyk



Bausteine für ein Gedicht

Ein kombinatorisches Schreibspiel für die dichterische Inspiration

Gedichte schreiben mit "Bausteinen" - kann das beflügeln? Kann es vor allem zu einem guten Text führen, wenn Sie mit einem Klick fünf durch einen Zufallsgenerator gesteuerte Impulse erhalten?

Als ich mich vor einigen Jahren mit dem Sonett auseinandersetzte, stieß ich auf die Kombinatorik mit ihren verschiedenen kreativen Spielarten, Texte zu erzeugen, und vertiefte mich schließlich in die Spieltheorie generell.

Anleihen in der Spieltheorie

"linx“ heißt aus dem Griechischen übersetzt "Wirbel“. Es ist eine der vier Kategorien, die der dem Surrealismus nahe stehende Literaturkritiker und Philosoph Roger Caillois dem Spiel zuschreibt. Es sei gerade der freiwillig gesuchte Anreiz, Verwirrung zu erzeugen, indem verschiedene Einflüsse aufeinander treffen und für einen Augenblick die gewohnte Wahrnehmung außer Kraft setzen.Was Caillois im Ergebnis dieser Spielform als "Rausch“ oder "tranceartigen Betäubungszustand“ bezeichnet, erweitert Natascha Adamowsky in der jüngeren Forschung um den "Flow“.

Genau diese Zustände erlebte ich bei der Konzeption und Umsetzung des Bausteine-Spiels. In allen Phasen - von der technischen Einrichtung über das Design bis zum Füllen der Datenbanken - sprudelten die Ideen und ich konnte mich kaum mehr losreißen. So hoffe ich natürlich, dass diese Begeisterung und Experimentierfreude nun auch Sie anstecken!

Ihre Lust zu kombinieren, ist gefragt

Rund 650 "Vorgaben" - Gedichtzeilen, Anregungen zur lyrischen Sprache, zu Stilmittel, Form und Klang, ergänzt um Fotos - warten darauf, Ihr poetisches Können herauszufordern.
Wichtig ist es, den "Geisterblick", wie ihn Ulla Hahn empfiehlt, einzusetzen, um mit Hilfe der Intuition auch scheinbar Unvereinbares in eine Einheit zu bringen.
Ob Sie dabei in Rausch, Trance oder Flow geraten wollen oder einfach Lust am Schreibspiel haben - holen Sie sich Ihre Bausteine für ein Gedicht.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Dichten und eine Menge Inspiration.

Hier nochmals der Weg direkt zum Bausteine-Spiel.


Zwei besondere Lyrikbücher für die Sinne | Kreative Spielarten

Mit Collagen das eine:

Magret Peper: "Ich bin"

Eine Übersicht in Bildern, eine in Gedichten - kurzum "Ich bin“ nennt Magret Peper ihre beiden Bände, in denen sie auf Lebensgeschichte(n) zurückblickt. Aus der eigenen individuellen Biografie wird die einer Generation. Es fädeln sich - distanziert, humorvoll - Reflexionen ein, Muster zeichnen sich ab. Mit der Auswahl der "Fakten", der Gewichtung von Erlebnissen und Erfahrungen weitet sich der Blickwinkel.

"denke ich genug?", steht auf einer Zeichnung des Bildbandes geschrieben. Weitere im gelben Hintergrund unleserlich gewordene Wörter umgeben einen mit einfachen schwarzen Linien skizzierten Rundkopf. Es könnte auch eine Kinderzeichnung sein, auf der die zwei Augenpunkte und die Zickzacklinien auf der Stirn bekräftigen, dass die Frage zu bejahen ist. Und doch spürt man, dass es um mehr geht, um tiefere Erkenntnisse.

- oder "pieces from existence"

"über meinem kopf/ wörter seltsam verhangen/ unter meinen füssen/ bildungsmaterial". Es sind "stückwerke" oder, wie es in einem englischen Gedicht der Autorin heißt ,"pieces from existence", die in Worte gefasst dem lyrischen Ich Einsicht bringen.

"Tinte werde/zu Treibstoff,// aus Tinte wird Treibstoff.// Aus Tinte wird Zündstoff/ ?" Die Sprache bringt Dynamik mit sich, nicht zuletzt auch die Farben fürs Leben. Graue Figuren werden bunt. So auch die kleine Reiterin einer Bleistiftzeichnung: Mit Schleife im Haar und lächelnd hält das Mädchen die Zügel seines Pferdes und scheint mit Pegasus im Galopp zu verschmelzen - einem zweiten Pferd auf der Collage, das aus farbigen Wortstreifen zusammengesetzt ist. In dieser Leichtigkeit, die das Bild ausdrückt, schöpferisch zu sein, wer wollte da nicht gleich mitreiten!


Im Spiel mit der Wahrnehmung das andere:

Michel Ackermann: "Stimmwirbel"

Sind es die Gedichte, sind es die Kommentare, die auf jeder linken Buchseite ergänzend stehen? Sind es die Pfeile, die dazu animieren, weiterzublättern oder querzulesen? Vielleicht verlocken auch Symbol und Schattenriss dazu, Sechszack, Feder und Vogel, die Farbe ins Druckbild bringen, damit man den originellen Band immer wieder neugierig in die Hand nimmt.

Michel Ackermanns lyrisches Debüt "Stimmwirbel" spricht die Sinne an. Die Reflexion schließt das nicht aus, im Gegenteil: "glaub der wirklichkeit nicht alles", fordert der Untertitel. Ein gelbes Rechteck mit der Inschrift "rot", das sich zwischen Gedichtzeilen einfügt, scheint diese Warnung nur zu bestätigen. Es geht darum, Bedeutungen neu zuzuordnen und zu erkennen, dass unsere fünf Sinne unsere Weltsicht prägen.

Mit der Leserschaft im Dialog

"Sie werden es bemerkt haben. Dieser Gedichtband ist eine Art Fortsetzungsgeschichte." Der Autor sucht den Dialog mit seinen Leser/innen. Er begleitet sie mit seinen "Selbstbetrachtungen" von Gedicht zu Gedicht und entwirft dabei eine Poetik, in deren Zentrum die Wahrnehmung steht.

"als ob die welt bunt wäre/ nur unser freundliches gehirn// färbt sie für uns ein", nimmt ein Gedicht auf das Thema Bezug. Wie Innen- und Außensicht divergieren, die Sprache je nach Einstellung verschwimmt, umkreisen auch die folgenden Zeilen: "Gedanken// können nicht sehen. In gewisser/ Hinsicht sind sie Strandgut/ im Neuronenwind der/inneren See."

Leise Töne in einer lauten Welt

Es ist der leichte Ton, der in diesem "Stimmwirbel" überzeugt und die sprach-, oft auch gesellschaftskritischen Reflexionen nahe bringt. Es ist ebenso die gute Portion Selbstironie, mit der Michel Ackermann immer wieder Distanz aufbaut und damit dem Leser, der Leserin Raum gibt, so dass sie sich in der Einheit von Gedicht, Kommentar und Bild einen vielschichtigen Zugang wählen können.

"Der Dichter dieser dichten (teilweise nicht ganz dichten) Gedichte ist hauptberuflich Musiker. Ein Pianist, der die leisen Töne sucht, weil ihm die Welt immer zu laut ist.“ Es lohnt sich und macht vor allem Vergnügen, Michel Ackermann auf seiner lyrischen Reise zu begleiten.


Aktuelle Lyrikkurse - Mai bis Juni

Möchten Sie an die Schreibnächte erinnert werden? Dann tragen Sie sich doch in den ausschließlich hierfür verwendeten Schreibnacht-Verteiler ein. Sie erhalten jeweils knapp eine Woche vor dem Termin eine Mail mit dem aktuellen Thema und Datum. Beispiele finden Sie als PDF unter dem Menüpunkt Schreibnacht-Inspirationen.


"Einander im Schreiben begegnen"

Ein Projekt der Literatenrunde Karlsruhe e.V. mit jungen Flüchtlingen

Die Literatur ist die wohl stillste unter den Künsten. Ihr tut es gut, sich mit anderen Sparten zu verbinden, vor allem, wenn es ein so wichtiges Projekt wie das einer Schreibwerkstatt mit jungen Flüchtlingen betrifft.

"Es war eine Reise nach Babylon, mitten in Karlsruhe“, schildert Fritz Kölling, einer der Workshop-Leiter seinen Weg zum ersten Treffen. "Wir haben auf dem Tisch Postkarten mit unterschiedlichsten Motiven ausgebreitet. Die Zeit ist knapp. In der nächsten Woche werden es wieder andere Teilnehmer sein, es bleibt nur diese eine Stunde, um Erinnerungen wach zu rufen, die Phantasie auf Reisen zu schicken und eine Geschichte zu erzählen."

Die Sprache finden, um Erlebnisse und Gedanken mitzuteilen

Seit Juli 2015 finden jede Woche die Werkstätten der Literatenrunde Karlsruhe e.V. statt, bei denen Martina Bilke, Abier Bushnaq und Fritz Kölling unbegleitete Flüchtlingskinder und -jugendliche anleiten, ihre Erlebnisse niederzuschreiben. Fluchtgeschichten entstehen, die ersten Erfahrungen in Deutschland, Zukunftswünsche und Erinnerungen an Zuhause kommen in der Muttersprache, manchmal in Englisch zu Papier oder werden mündlich vorgetragen.

"In meinem Land malt man mit einer einzigen Farbe./ Nur sie ist übrig:/ Die Farbe Schwarz“, beendet Ula aus Syrien ihr Gedicht. Bei Saif aus dem Irak führen Gott und der Todesengel ein Gespräch am Jüngsten Tag: "Ich bin hier. Du bist hier. Keiner sonst ist übrig.“ Zynisch klingt der Dialog aus, wenn Gott dem Engel nach erfüllter Mission nun selbst zu sterben befiehlt. Abdalla sieht dagegen in die Vergangenheit zurück: "Ach, wie schön ist doch Syrien/ wie schön die Umayyaden-Moschee! […] Wie schön sind doch die Gassen/ voller Menschen!"

Texte, Lesungen, Filme - kreative Spielarten, um Erfahrungen zu teilen

49 Texte, ins Deutsche übertragen, oft mit den Abbildungen der handschriftlichen Originale und mit Zeichnungen versehen, liegen inzwischen unter dem Titel "Einander im Schreiben begegnen“ vor. Die Publikation der Literatenrunde e.V. wurde im März zusammen mit einer Lesung der jungen Flüchtlinge auf den 7. KinderLiteraturtagen in Karlsruhe KLiK vorgestellt.
Einigen Texten des Bandes ist die vorsichtig redigierte literarische Fassung Martina Bilkes beigefügt. Die inzwischen 22 Poesiefilme von Abier Bushnaq setzen einen Teil der Geschichten ins Bild um.  Eine Auswahl davon wird am 25. Juni 2016 auf dem Literaturfest der Literatenrunde Karlsruhe e.V. gezeigt.

Hier können Sie auf YouTube einige der Poesiefilme zum Migranten-Projekt aufrufen.
Der Band "Einander im Schreiben begegnen" kann für sechs Euro plus Porto direkt bei der Literatenrunde Karlsruhe e.V. per Mail bestellt werden.


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