Satzzeichen im Gedicht und die Poesie der Gebärdensprache

Newsletter Nr. 52 | April 2024

Liebe Leserinnen und Leser,

bevor die Satzzeichen im Gedicht bzw. die Poesie der Gebärdensprache das heutige Thema bestimmen, ist das Ratespiel aus dem letzten Newsletter an der Reihe. Lyrik-Empfehlungen – so lautet das gesuchte Lösungswort. Auch im Nachhinein lohnt sich das Spiel noch zum Kennenlernen der achtzehn Dichterinnen, deren Namen und Buchtitel kombiniert werden soll(t)en. Zum Vergleich Ihrer Ergebnisse können Sie die Liste mit den Lösungsdetails als Extra-PDF herunterladen. –––  Sigune Schnabel, so hat es das Los entschieden, hat Steffen Popps Anthologie "Spitzen" als Buchpreis gewonnen. Auch an dieser Stelle schicke ich nochmals einen herzlichen Glückwunsch nach Düsseldorf! Ich bedanke mich zugleich bei allen Mitspieler:innen und habe gute Nachricht: Im Verlauf des Jahres gibt es mit Spiel oder Aktion weitere Gewinnchancen.

Die angekündigten Satzzeichen warten auf Sie! Wie halten Sie es mit Komma, Punkt und Ausrufezeichen in den Gedichten? Folgen Sie der im Alltag üblichen Interpunktion? Verzichten Sie darauf in dichterischer Freiheit? Oder entscheiden Sie nach Lust und Laune? Wie auch immer Sie die Fragen nach Punkt und Komma stellen, die philosophische Antwort von Theodor W. Adorno unterstreicht die Ambivalenz: "Den Satzzeichen gegenüber befindet der Schriftsteller sich in permanenter Not." Woher diese Not rührt und wie Sie ihr – auch im aktuellen Gedichtimpuls – begegnen können, lesen Sie im Blog. Hier im Newsletter, wie könnte es auch anders sein, hat zum Auftakt das Ausrufezeichen seinen Auftritt.

Ich wünsche Ihnen bei der Lektüre viel Spaß und grüße Sie herzlich

Ihre
Michaela Didyk



"Das Ausrufezeichen. Eine rebellische Geschichte" von Florence Hazrat

Ach! WOW!!! Weh! Wir kennen die Ausrufe, die Kummer, Bedauern oder Erstaunen und Bewunderung kundtun. Oder die warnen: Vorsicht bissiger Hund! Wer will da schon näher kommen! Das Ausrufungs- bzw. Verwunderungszeichen, wie es bis ins 19. Jahrhundert hieß, ist nachdrücklich. Es zeigt nicht nur Gefühle an. Hirnscans belegen, dass wir sofort auf das Bild eines Ausrufezeichens reagieren. Bei so viel Emotion bis hin zum Pathos empfehlen Schreibratgeber eine sparsame Verwendung, wohingegen Werbung und Internet dem Zeichen neue Auftrittsmöglichkeiten verschaffen. Und zwar durchaus in Serie. Je größer die Anzahl der Ausrufezeichen, umso lauter der Schrei: Igitt!!!!!!!!

Das Ausrufezeichen, so Florence Hazrat in ihrem gleichnamigen Buch, ist ein emotionales Zeichen. Allerdings verpönt hatte es in den heiligen Texten der Bibel über Jahrhunderte überhaupt nichts zu suchen, ja es war zunächst gar nicht bekannt. Jacobus Apoleius de Urbisaglia erfand es Mitte des 14. Jahrhunderts in Italien, als die Verschriftlichung der bisher mündlichen Rede Fahrt aufnahm. Wie sollte man in einem geschriebenen Text, so die Argumentation des Renaissancedichters, erkennen, dass es um ein Erstaunen geht, nicht nur um eine einfache Aussage. Über den Punkt hängte er das Komma an die Oberzeile: So entstand das Zeichen.

Satzzeichen im Zuge der Verschriftlichung

Es war nicht das einzige Satzzeichen, das in der zunehmenden Verschriftlichung notwendig wurde. In der Antike markierten die Texte lediglich Sprechpausen, man hörte beim Vortrag, welcher Ton – ob Aussage, Frage oder Ausruf – angeschlagen war. Auch die Handschriften des Mittelalters kannten nur einen Punkt am Ende der Periode, die einen Gedanken zusammenfasste. Erst der Übergang zum Buchdruck ermöglichte schriftliche Texte in größerer Menge, die nun still gelesen wurden. Die Sätze mussten dabei richtig verstanden werden – eine Aufgabe, die die Interpunktion und Syntax übernahmen.

Zunächst fehlten im Setzkasten der Drucker oft noch die Ausrufezeichen. Zudem verzichteten Dichter wie Shakespeare auf die Zeichen, da die Schauspieler die Bühnendialoge selbst spontan gestalteten. Es waren dann aber vor allem die Drucker und Redakteure, die die Manuskripte korrigierten und auf eigene Faust die Interpunktion bei der Buchherstellung ergänzten. Wie viele Ausrufe- oder Verwunderungszeichen tatsächlich auf Dichter:innen zurückgehen, bleibt zumindest in früheren Jahrhunderten unsicher.

Das vergessene Verwunderungszeichen

Es sei ein selbstbewusstes, rebellisches Zeichen, urteilt Florence Hazrat: "Das Ausrufezeichen hält uns auf Trab, und wenn wir es sehen, wissen wir, dass gerade etwas Bemerkenswertes, möglicherweise etwas Gefährliches oder Provokatives passiert." Am Werdegang des Ausrufezeichens von der Erfindung bis zur inflationären Verwendung im Internet rollt die Autorin ein lebendiges Kapitel Kulturgeschichte auf. Am Schluss des Buches erinnert uns Hazrat jedoch daran, was wir in allem Rufen und Schreien weithin vergessen haben: "Vielleicht reicht es, wenn ein ! das tut, wofür es erfunden wurde: sich der Bewunderung zu verschreiben: uns Wunder zu zeigen."

Florence Hazrat: Das Ausrufezeichen. Eine rebellische Geschichte
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Mit 'Augmented Reality' Gebärdensprachpoesie zugänglich machen

Franziska Winklers Anthologie "handverlesen – Gebärdensprachpoesie in Lautsprache" steht auf der Liste der Literaturempfehlungen 2024: ein schmaler Band mit enormer Sprengkraft. Denn wie können wir, so die Herausgeberin, mit unserem auf Schrift- und Lautsprache ausgerichteten Textbegriff eine Poesie berücksichtigen, bei der Autor:innen anstelle von "Stift und Papier" Gebärde, Mimik und Haltung – also ihren Körper – als Medium einsetzen. "In gebärdensprachlicher Literatur", zitiert Winkler aus einem amerikanischen Fachartikel, "wird aus Lesen Schauen, Bücher werden Videos und die Papierseite wird ein performender Körper."

2017 gründete Winkler zusammen mit Katharina Mevessen die Literaturinitiative handverlesen. Ihr Ziel: Gedichte Tauber Künstler:innen einem hörenden Publikum ohne Gebärdensprachkompetenz bekannt zu machen. In mehreren Workshops trafen sich hörende und Taube Autor:innen sowie Dolmetscher:innen, um die gebärdensprachliche Poesie in lautsprachliche Texte zu übersetzen, mehr noch sogar poetische Übertragungen zu erstellen. Mit von der Partie waren u. a. Daniela Seel, Anna Hetzer und Ulf Stolterfoht sowie ihre Tauben Kolleg:innen Laura-Levita Valyte, Dawei Ni und Julia Kulda-Hroch [Kurzporträt aller Künstler:innen]

Gebärdensprache in der Poesie

Die Gebärdensprache gilt seit 2002 in Deutschland als offizielle Sprache. Sie besitzt eine eigene Grammatik und ein umfassendes Vokabular, das Gebärdensprachpoet:innen in neuen Kombinationsmöglichkeiten ihrer Gesten erweitern und nuancenreich einsetzen. So kann die Gebärdensprache beispielsweise "leise" oder "laut" sein, je nachdem, ob die Hand kleine Bewegungen macht oder weit ausholt. Mit einer Wiederholung der Gebärde werden stilistische Merkmale betont, die Bewegung des Körpers vermittelt den Rhythmus. Selbst der Reim taucht auf und beendet ähnlich dem Endreim der Lautsprache die Sinneinheit einer Zeile. Alternativ können ebenso Symbole oder Bewegungsfolgen das Versende anzeigen. Die Mimik drückt Distanz oder Innigkeit aus, Ironie, Witz oder Spott, sie setzt Akzente und "ist die Stimme der Gebärdenpoesie" (Winkler).

Mit der handverlesen-Anthologie gelingt es erstmals, Gebärdensprachpoesie einem hörenden Publikum in gedruckter Form vorzustellen. Buch und Film verbinden sich über eine Website zum hybriden Format. So lassen sich die lautsprachlichen Übertragungen lesen und zugleich im Original auf dem Smartphone oder Tablet mittels Augmented Reality anschauen.


Aktuelle Kurse und in Vorankündigung ein neuer Programmpunkt

Zum Dichten gehört auch das Feedback. Beim Grundlagenkurs "Bausteine der Lyrik" können Sie im ausführlichen Lösungsteil viele Anregungen und Beispiele zu den Aufgaben finden, die Ihrer Selbsteinschätzung größere Sicherheit geben. Damit Sie in Zweifelsfällen aber im Austausch mit anderen Autor:innen bzw. durch mein Lektorat Klarheit gewinnen, wird es – neu in meinem Programm – in größeren Abständen "Lektoratstage" (online) geben.

  • Der Lyrik auf Alltags-Kurs ist ein Intensivkurs, bei dem Sie 30 Tage lang E-Mail-Impulse empfangen, die im Alltag Ihre Aufmerksamkeit für lyrische Motive und Themen schärfen. Hier können Sie ein Beispiel herunterladen und sich sofort anregen lassen.
  • Ihr poetisches Handwerk vertiefen Sie im zwölfteiligen Grundlagenkurs Bausteine der Lyrik. Mit dem ausführlichen Lösungsteil sind Sie auch als Selbstlerner:in gut beraten.
  • Mit den E-Mail-Impulsen Ein Gedicht pro Woche frischen Sie durch regelmäßige Praxis Ihr Wissen auf und experimentieren mit neuen Möglichkeiten. Für Flow ist dabei gesorgt!
  • Vorankündigung: Der erste "Lektoratstag" (online), bei dem Sie in einer kleinen Gruppe Feedback zu Ihren Gedichten einholen können, findet voraussichtlich im Juli statt. Die genauen Details erfahren Sie Ende Mai auf meiner Website, eine Anmeldung ist ab Juni möglich.

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Verantwortlich im Sinn des Presserechts: Michaela Didyk M.A.