Höhlen und ihre Erkundung im Gedicht

"Höhle dem Nestling. / Schutzraum vor kommender Kühle." (Kerstin Preiwuß)

Schreibnacht online | 28. Januar 2021

Ob es Tropfsteinkathedralen sind oder Kristallreiche – Höhlen eröffnen neue Welten. Sie laden zur Entdeckung ein, werden zum Abenteuer. Sie faszinieren durch ihre Strichzeichnungen und Felsmalereien, über deren Ursprung und Sinn wir nur spekulieren.

Zugleich bergen Höhlen Gefahr, wenn es dunkel und in kaum passierbarem Gang, engem Schacht und Spalt keine Umkehrmöglichkeit oder auf glitschigem Stein keinen sicheren Tritt mehr gibt.

Höhlen werden zur Wohnstatt von Eremiten und Heiligen, zum Aufbewahrungsort wertvoller Schriftrollen. Es sind die Schatzhöhlen aus Märchen und Mythen, die ein Drache bewacht. Geben sie Zugang zur Unterwelt, geraten sie sogar in Verdacht, Höllenschlund zu sein.

Und doch liegen in den zerklüfteten Bergen auch die Geburtsstätten von  Göttern und Helden, dienen Nischen am Lebensende als Felsengräber. Nicht zu vergessen ist auch die Bedeutung als Schutzraum für Tiere, die Winterschlaf halten, oder als Lebensraum für Asseln, Olme und Molche, Fledermäuse, für Pilze, am Eingang im Licht möglicherweise auch für Farne.

Schwelle zu einer anderen Welt

In Höhlen scheint die Zeit still zu stehen. Es sind Schwellenorte, in denen wir umkehren in eine Vorgeschichte. Zu Anfängen vielleicht, die im Dunkel liegen. Der britische Autor Robert Macfarlane spricht vom "Unterland" und fordert auf, "tiefer zu schauen". Es sei "elementar für die materielle Struktur unserer heutigen Existenz ebenso wie für unsere Erinnerungen, Mythen und Metaphern." Poetisch drückt den Gedanken auch Kurt Marti in seinem Gedicht "mater materia" aus: "wo das ewige schweigen unendlicher räume / weder wartet noch uns erwartet".

Es liegt an uns, über die Schwelle in einen ungewissen Bereich zu gehen: "mir wächst / glaube ich / wieder ein Pelz /", heißt es bei Margot Scharpenberg, "[...] meine alte / Tatzenspur die verwuchs / muß ich erneuern". Doch was wäre es für eine Umkehr zurück zu den Traumbildern, den Schemen, die wir – siehe Platons "Höhlengleichnis" – nur verzerrt wahrnehmen. Im Licht vor der Höhle zur Erkenntnis zu kommen: Der Höhlenausgang, nicht der Eingang ist seit Jahrtausenden das Bestreben.

Im Innenraum der Sprache

"Spricht Karst spricht Sinter spricht Tuff": Werner Dürrson unternimmt den Versuch, längere Zeit in einer Höhle zu leben, und hält seine Klangerfahrung in einem 13-teiligen Gedichtzyklus fest. Auch Ernst Meister kennt die Stimmen der Stille: "Sie aber haben Gespräch: / Steine mit Steinen, / klirrendes, spröde / Lettern, mächtige, in der Höhle Schlund".

Die Wahrnehmung verändert sich in der Dunkelheit: Hören und Tasten, Spüren und Riechen übernehmen die Führung, machen den Körper empfänglich für die Umgebung. "schädelinwendig / höhlenzeichnung / fliehendes reh [...] mache dich auf jorinde", so wechselt bei Urs Veraguth das lyrische Ich in seine Innenwelt.

Die Träume in eigener Schädelhöhle, Worte, die aus der Mundhöhle kommen, sind in die existentielle Erfahrung von Geburt und Tod eingebettet, die sich auch im "Schoß der Erde" vollzieht: "ich / bald sterbend / noch nicht geboren / lausche / [...] / poche / voll neugier / an die höhle das leben"  Was bei Kurt Marti Mut macht, verkehrt sich bei Kerstin Preiwuß in Abschied und Trauer: "Ich halte meine Hand an den Bauch./ [...] /Ich bin eine Höhle davor, eine leere Hülle danach." Wachsendes Leben und Tod liegen in ihrem Gedicht eng zusammen.

Felsritzungen, Tierdarstellungen, tanzende Figuren

Auch die Geburt der Kunst wird – aus unserer Sicht – in die Höhlen verlegt. Sind die Malereien, deren älteste rund 45.000 Jahre alt sind, der Phantasie entsprungen? Sind es im weiteren Verlauf der Evolutionsgeschichte Wiedergaben aus den Erzählungen der Jäger, die heimgekehrt den Zurückgebliebenen ihre Erlebnisse schildern? Im Wechsel der Lebensräume von Savanne zu Höhle verspricht die felsige Unterkunft erstmals Geborgenheit und Schutz vor Wetter und wilden Tieren.

Sind es nicht nur, sondern zugleich Initiationshöhlen, die in das Mysterium von Leben und Tod einweihen? Sich als Schwelle in die Anderswelt erweisen? Robert Macfarlane fasst die verschiedenen Möglichkeiten zusammen: 

"... die Bilder und Ritzungen [...] können auch als frühe Landschaftskunst verstanden werden, wobei der Herstellungsort (das Höhleninnere) nicht nur aus pragmatischen Gründen zwecks Schutz und Konservierung ausgewählt, sondern auch als Teil eines größeren, kraftvollen Ortes angesehen wurde, dessen Bedeutung nach außen (zu Klippe, Bucht und Küste vor der Höhle) und nach innen (in die metaphysischen und realen Tiefen des Höhleninneren) ausstrahlt."

Aufbruch in die Höhlen!

Die Annäherung an das Höhlen-Thema ist vielschichtig. Motive für Ihre Gedichte und Beispieltexte gibt es zuhauf. Wenn Sie also Lust haben auf eine poetische Erkundung dieses Terrains, sind Sie am 28. Januar 2021, ab 19 Uhr, herzlich zur virtuellen Höhlentour eingeladen. Ich freue mich auf ein inspiriertes Schreibabenteuer!

Falls Sie noch organisatorische Details und Informationen zur Anmeldung brauchen, finden Sie diese auf der Startseite zur Schreibnacht.  Zur direkten Buchung geht es gleich hier:

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