Am Faden der Erinnerung zur Quelle der Inspiration

Newsletter | November 2008

Liebe Leserinnen und Leser,

Muse als Tochter der Quellgöttin - Foto: Steinbecken um Quelle mit grünen Pflanzenrosetten
© VLADJ55 | Depositphotos

"beGEISTert dichten" heißt eine zweite Reihe von online-Kursen, bei denen Sie ähnlich den Schreibnächten für jeweils einige Stunden zum lyrischen Schaffen eingeladen sind. Bei diesem Zyklus steht die Inspiration und ihre Verknüpfung mit archaischem Wissen im Mittelpunkt - eine Angelegenheit der Quellgeister und Musen also.

Diese können auch in unseren Tagen noch "Flow" erzeugen, egal ob zu dritt oder zu neunt. Sie gelten als Töchter der Quellgöttin "Mnemosyne", noch Dante ruft sie zu Beginn seiner "Göttlichen Komödie" allesamt an. Zugleich wendet er sich über die Musen hinaus an das Gedächtnis, an die Erinnerung, griechisch Mnemosyne, damit er wiedergeben kann, was er in der Quelle geschaut hat.

Gedächtnisspuren und heilende Gesänge

So zieht sich der Faden der Erinnerung quer durch den heutigen Newsletter. In Erika Wagners aktuellem Kunstprojekt entdecken Sie eine moderne Gedächtnisspur. Die Schweizer Künstlerin schließt mit ihrer Werkschau den sechsmonatigen Arbeitsaufenthalt im Atelier VISARTE in Neuchâtel ab.

Auch Norbert Hummelts Übersetzung von T. S. Eliots Gedicht "The Waste Land / Das öde Land" [Amazon-Link] passt im Themenrahmen als Buchempfehlung dazu. Die Kraft der Inspiration und zugleich ihre Herausforderung an den Dichter machen Eliots Text zu einem "heilenden Gesang", der den Künstler als Schamanen ausweist.

Eine Adventszeit mit vielen Impulsen und zuversichtlicher Umsetzung wünscht Ihnen
Ihre
Michaela Didyk



Erika Wagner: Bildschichten der Erinnerung

Die Luzerner Lyrikerin und Künstlerin Erika Wagner (*1974) war schon im vergangenen Sommer im Newsletter vertreten: Ihre Interaktive Medien-Installation "Dialog im Schatten" galt damals dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans-Werner Henze. In einer Werkschau stellt die Künstlerin nun vom 13. bis 19. Dezember 2008 ihre neuen Arbeiten in Neuchâtel vor, wo sie sechs Monate als Artist in Residence lebte.

"Ich habe da, glaube ich, ein Material gefunden, das mir für meine Art zu arbeiten und für die Thematik der Erinnerung sehr geeignet scheint: die nachleuchtende Folie, auf welcher Bilderüberlagerungen noch eine Weile sichtbar bleiben und dann langsam vergehen."

Das Thema "Erinnerung" bildet eine Konstante in Erika Wagners Schaffen. In ihrer Installation erinnern und vergessen (2003) ist es ein roter Pullover, der überdimensional und einer Stoppschranke ähnlich seine Ärmel durch den Raum streckt. In der Überlänge beginnen sie sich zu stauen, Gestricktes ist teils wieder aufgetrennt, Wollfäden verlieren sich am Boden. Vermittelt ist so die Dichte der Gedanken und Gefühle, die im Blick auf Vergangenes ambivalent aufsteigen: Sie dehnen sich aus und werden zugleich eingeengt oder bleiben als noch nicht verarbeitete Reste bestehen.

"Seeblick" -

Um die Ablagerung von Bildern, von Eindrücken und Emotionen in unserer Erinnerung geht es auch in den Zeichnungen, Videos, in den Fotografien und Projektionen der jüngsten Zeit.

In pastellfarbenen Tönen fängt Erika Wagner im Video "Seeblick" das Licht des Neuenburger Sees ein. Es ist ein kontemplativer Blick: Ein Bild geht langsam in ein anderes über. Durch Überblendungen entstehen neue Bilder, dem Betracher eröffnen sich eigene Assoziationsräume.

Oft sind nur Konturen als fein gezeichnete Linie sichtbar oder der Umriss löst sich in Weiß auf. Dadurch verstärkt sich der Eindruck, ins Endlose zu blicken. In ein Nichts, aus dem stets erneut etwas auftaucht, sich über die Bildfläche bewegt und vergeht.

- und "Nachleuchten"

In ihren Arbeiten mit nachleuchtender Folie fügt die Künstlerin im Nachhinein Konturen aus der Erinnerung hinzu. trägt Umrisse und Lichtspuren auf dunklem Untergrund auf, so dass aus den Bilderschichten gleichsam "Nachtansichten" entstehen und sich gedachte Innenräume öffnen.

"Auf einen Ort bezogen", so fasst Erika Wagner ihre Arbeitsweise als Artist in Residence in Neuchâtel zusammen, "ist es ein Gemisch von Erwartungen, Wünschen, erzeugt auch durch Bilder im Internet und der Werbung, und dem, was ich persönlich wahrnehme und empfinde, wenn ich offen durch einen mir nicht vertrauten Ort gehe."

Weitere Installationen und Videos, szenografische Einblicke und Zeichnungen Erika Wagners finden Sie im Archiv Ostschweizer Kunstschaffen und im Kunstforum Zentralschweiz.


Anselm Kiefer: A. E. I. O. U.

Gedichte zwischen Büchern aus Blei und Dornengestrüpp

Wie sehr sich Anselm Kiefer (*1945) den beiden Lyrikgrößen Paul Celan und Ingeborg Bachmann verbunden fühlt, machte der Künstler bei seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels deutlich. In seinen Werken tauchen Verse der beiden wiederholt auf oder es verweisen Namen auf Dichter/in und Text.

Kiefers Themen sind Zeit und Erinnerung, das Wachhalten von Erfahrung und Geschichte entgegen vorschnellem Einverleiben und Auslöschen. Als Provokation galten daher in den frühen Jahren viele seiner Bilder, mit denen er die deutsche Vergangenheit aufruft.

"Wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt"

A. E. I. O. U., ein begehbarer Kubus in der Altstadt von Salzburg, nimmt das Nomadisieren als Grundgegebenheit unserer Existenz auf. "Wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt" zitiert der Künstler eine Strophe aus Bachmanns "Das Spiel ist aus".

Das Sandbild, das in Anspielung auf die Erfindung der Keilschrift Lehmziegel zeigt, ist mit Natodraht bespannt. Dem großformatigen Gemälde gegenüber lagern in einem Regal 60 Bleibücher, aus denen marokkanisches Dornengestrüpp zu wachsen scheint. Ein "Zwiegespräch" beginnt, wenn der Betrachter hinzukommt. Denn in eine Art "Dornröschenschlaf" sieht Anselm Kiefer seinen Raum versunken, der auf Erlösung wartet.

Christoph Ransmayrs Begegnung mit dem Künstler

Der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr (*1954) schildert in einem euphorischen Rückblick seine Begegnung mit Anselm Kiefer, den er im Jahr 2000/ 2001 in seinem Domizil in Südfrankreich besucht hat: "Der Ungeborene oder Die Himmelsareale des Anselm Kiefer" [Amazon-Link].


"BeGEISTert dichten" - ein archaischer Zugang zur Inspiration

Poetisches Handwerk, Inspiration und Öffentlichkeit durch Lesung sind die drei Bausteine, die Unternehmen Lyrik in seinem Kurs- und Förderprogramm bietet. In einer experimentellen Reihe von Schreibtreffen online soll der kreative "Flow" durch die schamanische Praxis angeregt werden.

Die acht - auch einzeln buchbaren - Termine bestimmt der Jahreszyklus mit seinen Lichtfesten. Das jeweilige Verhältnis von Tag und Nacht bringt auch einen unterschiedlichen Energiefluss mit sich, der sich für die Inspiration nutzen lässt.

Acht unterschiedliche Zugänge zum Schreiben

Sie erfahren mit jedem Kursabend nicht nur ein Wissensfundament zur Natur der einzelnen Jahresabschnitte, sondern öffnen sich in einem ganzheitlichen Blick unterschiedliche Zugänge zu Ihrem Schreiben. Sie lernen, Blockaden zu lösen, Ihren Zensor in einen konstruktiven Kritiker zu verwandeln, Ihre Schwächen beim Schreiben in Stärken zu verwandeln.

Der achtteilige Zyklus beginnt mit dem "spielerischen Loslegen" beim Schreiben, dem Vertrauen auf den schöpferischen Impuls und dem Loslassen von Erwartungen. Auch wenn der Termin am 18. Dezember in den vorweihnachtlichen "Endspurt" fällt, sind Sie - der Jahresreigen gibt es mit dem ersten Anwachsen des Lichtes so vor - zum "Südfest", zur Wintersonnenwende eingeladen.

Vielleicht entsteht so über das Dichten hinaus eine "Ruheinsel" im Alltag und eine neue Form der kreativen Einstimmung auf die gewohnten Weihnachtstage. Lesen Sie hier mehr zur neuen Reihe BeGEISTert dichten.


Die "maquina poetica" als digitale Muse & die Lösung des Jahresrätsels

Die Lose beim "Geburtstagsrätsel" des Newsletters sind gezogen. Ingritt Sachse (Bonn) und Evelyne Lauber (Reinach/ Basel) waren mit der Antwort "Beethovens Neunte" die Glückspilze und entschieden sich unter den Preis-CDs für Paul Celans: "Ich hörte sagen" beziehungsweise für die Hörfassung von Hans Magnus Enzensbergers: "Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu hören".

Den beiden Gewinnerinnen hier nochmals Glückwünsche und allen, die mitgemacht haben, ein herzliches Danke. Bis zum nächsten Sommer dauert es noch eine Weile, aber dann haben Sie erneut Gewinnchancen. Der folgende Link führt Sie zur Rätsellösung im Detail.

Hans Magnus Enzensberger versteckt sich hinter dem Pseudonym Andreas Thalmayr, dessen Buchfassung "Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen." der CD vorausging und immer noch eine der besten Quellen für die poetische Inspiration ist.

Eine digitale Muse der Extraklasse

Enzensberger hat sogar einen Poesie-Automaten [Amazon-Link] entwickelt, der ähnlich einer Ankunftstafel auf den Flughäfen Gedichte auf Knopfdruck freigibt. Aber wie Enzensberger in seinen Erläuterungen zum Automaten feststellt, kommt es immer auf den "input" an, der den "output" in seiner Qualität steuert. Das zeigt sich bei den oft lapidaren Ergebnissen der Gedichtautomaten, die es inzwischen auch im Internet gibt.

Begeistert hat mich bei meiner Recherche dagegen die maquina poetica von Stephan Karsch. Sollte Ihre Muse also einmal doch ausbleiben, kann diese vielfältige digitale Muse Ihren Schreib- und Spieltrieb wieder anregen und darüber hinaus einiges zur Tradition der Schreibautomaten verraten. Dieser Kontakt zur Muse ist unbedingt zu empfehlen!


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